Nächste Woche wird die Salzwedelerin 90 Jahre alt / Sie arbeitet, weil es ihr Spaß macht

Helga Weyhe ist Deutschlands älteste aktive Buchhändlerin

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Helga Weyhe in ihrem Lieblingssessel im Nebenraum der Buchhandlung. Deutschlands älteste aktive Buchhändlerin wird am nächsten Dienstag 90 Jahre alt.

Salzwedel. Sie mag es, wenn man sich klar und präzise ausdrückt. Von „verschleierter“ Sprache wie „Im Hinblick auf die Möglichkeiten . . . “ hält Helga Weyhe nichts.

Soll man doch gleich sagen: „Wir kriegen das schon hin!“ Menschen, die sich mit Worten wichtig tun, mag die betagte Dame überhaupt nicht. Und weil Deutschlands älteste aktive Buchhändlerin die deutsche Sprache so mag, gefällt ihr der Ausspruch eines unbekannten Autos auch besonders gut:

„Es gibt keine Wahrheit, außerhalb der Sprache. Wer die Sprache missachtet, missachtet gewöhnlich auch die Wahrheit.“ Man könne mit vielen Worten nichts sagen oder mit wenigen die Wahrheit, ist die lebenserfahrene Salzwedelerin, die nächsten Dienstag 90 Jahre alt wird, überzeugt. Seit eh und je steht sie Tag für Tag in ihrer Buchhandlung an der Altperverstraße 11 – in jenem Haus, in dem sie am 11. Dezember 1922 geboren wurde.

Weimarer Republik, Drittes Reich, Sozialismus, soziale Marktwirtschaft – eine „richtig schlimme Zeit“, so sagt sie, habe sie aber nicht erlebt. Und schränkt ein: „Doch. Der Arbeitsdienst in Oberschlesien war hart, wenn man als so behütete Tochter plötzlich dorthin kommt ...“ Und die DDR-Zeit, die „war schlimm – dieses Eingesperrtsein“.

1941 legte Helga Weyhe das Abitur ab. Am damaligen Salzwedeler Lyzeum, das gerade zum Kunsthaus umgebaut wird. Es folgte der Arbeitsdienst, danach das Studium. Drei Semester war die junge Helga Weyhe in Breslau an der Universität, danach je ein Semester in Königsberg und Wien. „Das war damals so, da guckte man sich um in der Welt.“ Der Zweite Weltkrieg zerstörte ihre Studienpläne, die Salzwedelerin musste aufhören. Deutsch und Geschichte waren ihre Leidenschaften, aber „Lehrer wollte ich nie werden“. Sie habe nicht die Geduld dafür, und außerdem: „Was soll ich mich mit anderer Leute Kinder herumärgern?“ Aber Bücher, die hatten es der Buchhändlerin schon immer angetan.

„So lange ich gesund bin, mache ich weiter“

Im Krieg arbeitete sie in der Buchhandlung ihrer Eltern. Johann Dietrich Schmidt aus Gorleben hatte das Geschäft 1840 gegründet – „Gorleben im Königreich Hannover“, fügt Helga Weyhe schmunzelnd hinzu. Ihr Großvater kaufte die Buchhandlung 1871, seither ist sie in Familienbesitz.

Ob Helga Weyhe schon immer Buchhändlerin werden wollte? Die resolute Frau mit dem festen Blick zuckt die Schultern. „Es war nach dem Krieg das Vernünftigste, hier zu bleiben“. So stieg sie mit 25 Jahren und fünf Semestern Deutsch-Geschichte-Studium voll in das elterliche Geschäft ein. 1965 bekam sie ihre eigene Gewerbegenehmigung, ihr Vater blieb mit ihr in dem Laden. „Man konnte gut mit ihm zusammenarbeiten“, sagt Helga Weyhe. 1975 starb ihr Vater 84-jährig nach einem Unfall.

Mit 60, also 1982, hätte die Buchhändlerin in Rente gehen können. „Ich wollte nicht, weil es mir Spaß macht, und ab 1990 / 91 wurde es dann richtig spannend“, begründet die fast 90-Jährige. Solange sie mit Kopf und Körper bei Gesundheit ist, so lange „mache ich weiter“. Irgendwann, so sinniert sie, werde wohl Schluss sein. „Das kann dauern oder schnell gehen – wer weiß das schon, darüber mach ich mir keine Gedanken.“

Eine 90-jährige Buchhändlerin im Jahr 2012 – da geht es ohne Internet nicht. „Ja“, sagt Helga Weyhe, das stimme wohl. Für sie sei es selbstverständlich, die Kundenwünsche online umzusetzen: „Am nächsten Tag ist das gewünschte Buch da.“

Woran es liegt, dass sie sich so guter Gesundheit erfreut, das weiß Helga Weyhe nicht. „Ich lese viel. Wenn man nicht liest, kann man so einen Laden nicht machen.“ Biografien „von vernünftigen Leuten“ mag sie besonders, Geschichte interessiert sie, vor allem das Mittelalter. „Da gibt es hervorragende Sachen“, weiß Helga Weyhe. Historische Romane lese sie „nur quer, damit ich weiß, was drin steht“. Mit der Rechtschreibreform hadert sie, damit habe sie sich „überhaupt nicht“ befasst. Aus Prinzip. Ansonsten gehe sie viel an die frische Luft, „das ist gesund und gut“.

„Es sind immer die Menschen“

Trotz vieler Reisen – Helga Weyhe war mehrfach jeweils über mehrere Monate in Rom und New York („eine lebendige, faszinierende Stadt mit den schönsten Museen der Welt“) – ist sie Salzwedel immer treu geblieben. „Es sind immer die Menschen“, resümiert sie, aber die Salzwedeler Bevölkerung habe sich gewandelt. In den 1930er Jahren und 1945 gingen viele weg, die Grenze zu Niedersachsen schnitt sie von vielen Freunden ab. Dennoch hat die Buchhändlerin viele Verbindungen. Ihre Kundschaft liegt „zwischen Boston und Bombeck“, wie sie gern sagt. Durch die Kontakte zu Kunden seien viele Freundschaften entstanden, und das war, ist und bleibt Helga Weyhe wichtig.

„Wir sind eine kalte Gesellschaft“ – diesen Satz wirft Helga Weyhe plötzlich ein. Sie hält ihn für gefährlich, hinter diesem Satz könne man sich verstecken. Denn „es liegt doch an jedem Menschen selbst, ob er sich einer Meinung anschließt oder etwas anderes tut.“

Etwas anderes tun – nein, Helga Weyhe bleibt Buchhändlerin mit Leib und Seele, so lange sie kann. Dass die Hansestadt Salzwedel sie zu ihrem 90. Geburtstag mit einer Feierstunde ehrt, findet sie „sehr freundlich“. Das wird am Dienstag um die Mittagszeit sein. Bis dahin ist Helga Weyhe selbstverständlich in ihrem Laden. Und nach der Feierstunde „muss ich sehen, ob ich weiter arbeite oder müde bin und mich hinlege“.

Von Ulrike Meineke

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