Brunette Frehle hält eine fast vergessene Tradition am Leben

„Hab´n Se noch Altpapier?“

Die Sammelstelle befindet sich an der Bergstraße in Salzwedel. Durch die Corona-Pandemie mussten die Öffnungszeiten allerdings eingeschränkt werden.
+
Die Sammelstelle befindet sich an der Bergstraße in Salzwedel. Durch die Corona-Pandemie mussten die Öffnungszeiten allerdings eingeschränkt werden.

Salzwedel / Seehausen – „Hab´n Se nicht noch Altpapier, liebe Oma, lieber Opa? Klingelingeling ein Pionier, klingelingeling steht hier, ein roter.

Brunette Frehle ist mit Leib und Seele Wertstoffhändlerin. Die 67-Jährige hat sogar das Risiko der Selbstständigkeit in Kauf genommen und ist in Salzwedel, Wittenberg und zu Hause in Seehausen aktiv. 

Hab´n Sie nicht noch Altpapier, Flaschen, Gläser oder Schrott? Klingelingeling, schnell geb´n Se´s mir, sonst holt sich´s die FDJ. “ Was zu DDR-Zeiten weit verbreitet war, ist heutzutage bei vielen Menschen aus den Köpfen verschwunden. Blaue Tonne auf, rein und weg. Doch es gibt sie noch, die Annahmestellen für Altpapier, Pappe und anderes. In Salzwedel, Wittenberge und Seehausen tut dies Brunette Frehle – besser gesagt: Sie lebt und liebt es. So sehr, dass sich die 67-Jährige vor vier Jahren sogar selbstständig gemacht hat. Zweimal in der Woche ist sie in Salzwedel an der Bergstraße.

„Die Leute kommen gerne und freuen sich, dass sie ein paar Cent bekommen“, berichtet die Seehäuserin. Mehr gibt es für ein Kilogramm nicht; in der DDR waren es noch 30 Pfennige für Altpapier und fünf Pfennige je Glas. Das steht in einem Artikel, den Brunette Frehle aus einer Mappe zieht.

Das Altpapiersammeln habe sie schon immer gerne gemacht, erzählt die Frau. Da blieb auch immer Geld für eine Streuselschnecke übrig.

Nach der Wende hatte sie das Glück, dass ein Mann in ihrer Nachbarschaft in Seehausen mit dem Handel weitermachte. „Der kommt jetzt zu mir“, so Brunette Frehle.

Unter den Altpapiersammlern seien viele Stammkunden, aber auch immer wieder mal neue Gesichter. Viele seien erstaunt, dass überhaupt noch Geld bezahlt wird, so die 67-Jährige, andere würden sich freuen, weil es sie an früher erinnert.

Doch so wie in alten Zeiten ist es dann auch nicht mehr. Dafür sorgt schon die moderne Verwaltung, lässt Brunette Frehle durchblicken. Der klassische Wertstoffhandel habe sich juristisch wehren müssen – gegen Gesetze und andere Auffassungen moderner Müllentsorgung. Aber davon will sie sich nicht abschrecken lassen, ist mit Herz bei der Sache und denkt noch lange nicht ans Aufhören. Später einmal, so wünscht sich das Brunette Frehle, soll ihre Tochter das Geschäft übernehmen.

Manche Menschen kommen zu ihr, weil sie jeden Cent benötigen, berichtet Brunette Frehle. Einige Großeltern würden außerdem für ihre Enkel sparen, manche Schüler (teilweise über die Eltern) für eine Klassenfeier sammeln. Fast wie früher. VON JENS HEYMANN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare