Von Woche zu Woche

Der Unterschied liegt im Detail

  • Ulrike Meineke
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„Salzwedel hat zwar einen Bahnhof, aber den Anschluss verpasst.“ Das hat die Bundeskanzlerin bei einer Wahlkampfveranstaltung in Süddeutschland gesagt und dafür viel Kritik geerntet. Vergleicht man die beiden Kreisstädte der Altmark, so hat Merkel recht.

Das liegt vielleicht gar nicht so sehr an den politischen Weichenstellungen, sondern vielmehr an den Menschen selbst.

Stendal blüht förmlich auf, hier bewegt sich etwas. Die riesige Info-Börse zum Girls-Day in dieser Woche zum Beispiel. Jetzt wird zum großen Frühjahrsputz zu Ostern aufgerufen, weil man weiß, dass Gemeinschaft stark macht.

Und Salzwedel? Fehlanzeige. Dort hat man es nicht einmal nach den Nazi-Schmierereien in der Nacht auf den Tag der deutschen Einheit geschafft, irgendetwas auf die Beine zu stellen. Keine Putzaktion, außer der, die die Verwaltung anschieben musste, weil es sich um politische Schmierereien handelte – kein bunter Protest, nichts. Da musste erst ein Stendaler kommen und wenigstens mit einer kleinen Kulturveranstaltung auf dem Salzwedeler Marktplatz ein Zeichen gegen Rechts setzen.

In Salzwedel hat man die Dampflokfreunde ziehen lassen, der Wochenmarkt ist tot, der Bauernmarkt bedroht. Die Menschen haben resigniert vor Schmierereien, Dreck und Müll. Wenn Sie mal nach 21 Uhr ein Bier trinken gehen wollen, haben Sie ein Problem. In Stendal dagegen boomt das Leben. Die Menschen pflanzen Blumen vor ihre Häuser, die auch am nächsten Tag noch dort sind. In Salzwedel hätten Vandalen sie herausgerissen. Dort müssen Blumenkästen schon mit Drahtgeflecht geschützt werden.

Wenn die Salzwedeler nicht aufpassen, verkommt ihre nette Stadt zur Provinz. Sicher, die Voraussetzungen sind in Stendal besser. Aber dort rührt man sich auch anders. Dort rufen Beamte auch schon mal bei der Zeitung an, um die Redakteure zu bitten, über dieses und jenes mal eine Geschichte zu schreiben. Sie machen ihren Job – zumindest einige – mehr als 08/15, weil ihnen ihre Stadt wichtig ist. Jede Arbeit ist nur so gut wie diejenigen, die sie tun.

In Salzwedel ist das Motto eher: Wer nichts macht, macht auch keine Fehler. Wenn man dort in einer Behörde anruft, wird man ohne ein „Moment bitte, ich verbinde Sie“ weggedrückt. Und wenn der Kollege, zu dem man verbunden werden soll, nicht da ist, verödet man in der Warteschleife. In Stendal hört man ein „Entschuldigung, der Kollege ist nicht am Platz, wir rufen zurück.“

In Salzwedel kann man keine fünf Minuten irgendwo in der engen Innenstadt parken, ohne ein Knöllchen zu kassieren. Das macht diese Stadt unsympathisch – mit Blick auf den Tourismus ist das fatal. Stendal hat genauso enge Gassen, dort gibt es auch Strafzettel, aber eben auch Anliegerparkplätze und viele Initiativen, neue Stellflächen zu schaffen. Man sucht Möglichkeiten. In Salzwedel nicht. Dort bleibt alles, wie es ist und schon immer war.

Der Stadtrat zerredet jede neue Idee, erarbeitet Kataloge, die nie fertig werden. Die Stadt schafft es nicht einmal, Gäste mit netten Schildern am Stadteingang zu begrüßen. Wenn Salzwedel nicht aufpasst und den Hebel umlegt, wird Angela Merkel recht behalten. Die Stadt verpasst den Anschluss, während die zweite Kreisstadt der Altmark ihr ganz gehörig den Rang abläuft.

Von Ulrike Meineke

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