Stadt hat kein Einsehen und will kassieren

Galle raus, Knöllchen dran: Während Not-OP schlug in Salzwedel die Politesse zu

Knöllchen: Die Stadt zeigt kein Erbarmen.
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Knöllchen: Die Stadt zeigt kein Erbarmen.

Salzwedel – Während einer Notfall-OP im Salzwedeler Krankenhaus wurde einer jungen Frau (der Name ist der Redaktion bekannt) ein Strafzettel an ihr am Lohteich stehendes Auto gepappt. Soweit, so gut. Das konnte die Politesse, die ihren Job gemacht hat, ja nicht wissen.

Doch der Widerspruch wurde abgelehnt – die Frau soll bezahlen.

Doch der Reihe nach: Die Frau hatte ihren Wagen in die Werkstatt gebracht und ein Ersatzauto bekommen. Dieses parkte sie am Freitagabend, 20. März, am Lohteich. Dort ist übers Wochenende das Parken frei – 20. März, 18 Uhr, bis 23. März, 6 Uhr. Die Frau legte vorsichtshalber eine Parkuhr in ihren Wagen, falls sie am Montag nicht rechtzeitig wegkommen würde.

Sonnabend bekam sie akute Bauchschmerzen, wurde von einem Rettungswagen abgeholt und ins Salzwedeler Krankenhaus gebracht. Es stellte sich heraus, dass die Galle entfernt werden musste. Montagmorgen wird sie aufgrund der Dringlichkeit sofort operiert. Aus diesem Grund kann sie erst im Laufe des Montags den Fahrzeugschlüssel für einen Freund im Krankenhaus hinterlegen lassen. Eine direkte Übergabe des Schlüssels war durch die Corona-Beschränkungen nicht möglich. Zudem war das Letzte, an das die junge Frau mit ihren großen Schmerzen dachte, dass ihr Auto umgeparkt werden muss. Ein Freund fuhr das Fahrzeug dann am Montag vom Lohteich weg – mit einem frischen Knöllchen an der Scheibe.

Die Frau wird erst am Donnerstag, 26. März, aus dem Krankenhaus entlassen und legt natürlich Widerspruch gegen das Knöllchen ein. Dem fügt sie einen Nachweis vom Krankenhaus bei, der ihr bescheinigt, dass sie den Wagen gar nicht wegfahren konnte.

Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes hatten inzwischen auch mit dem Fahrzeughalter, der Werkstatt, Kontakt aufgenommen und diesem auch berichtet, dass die Fahrzeugführerin ins Krankenhaus eingeliefert worden war – der Datenschutz lässt grüßen.

Nichtsdestotrotz besteht die Stadt auf die Zahlung des Verwarngeldes. Und zwar kommen die Ordnungshüter der Stadt zu der messerscharfen Schlussfolgerung (Schreiben vom 12. Mai): „Frau ... teilte daraufhin mit, dass sie vom 21. bis zum 26. März nachweislich in stationärer Behandlung im Altmark-Klinikum in Salzwedel war. Somit kann sie nicht die Fahrzeugführerin am 23. März gewesen sein.“ Auf diese Logik ergibt sich: „Ich fordere Sie nochmals auf, mir den Fahrzeugführer umgehend mitzuteilen bzw. das Verwarnungsgeld einzuzahlen, da sonst zusätzliche Kosten für Sie entstehen.“ Ja, wie jetzt? War sie die Fahrerin des Wagens? Aufgrund der Krankenhausbestätigung offenbar nicht. Ergo bräuchte sie auch nicht zu bezahlen. Doch wer war dann der „Fahrer“ des parkenden Autos? Dieser mystischen Gedankenführung konnte die junge Frau nicht folgen.

Mit Datum vom 19. Mai flatterte ihr ein weiteres Schreiben aus dem Salzwedeler Ordnungsamt ins Haus: „Nach Prüfung Ihrer Angaben teile ich Ihnen jedoch mit, dass Ihre Ausführungen keinen ausreichenden Anlass darstellen, das Verfahren gegen Sie einzustellen.“ Mehr noch: Die Frau wird aufgefordert, die 20 Euro in den nächsten sieben Tagen einzuzahlen. „Andernfalls wird ein Bußgeldverfahren gegen Sie eingeleitet, das mit Mehrkosten von 28,50 Euro für sie verbunden ist“, wird ihr mit „freundlichen Grüßen“ mitgeteilt.

Inzwischen hat sich die Frau an Bürgermeisterin Sabine Blümel gewandt. Sie kann nicht verstehen und ist entsetzt darüber, wie die Menschen in dieser Stadt behandelt werden. Dass jemand, der als Notfall ins Krankenhaus kommt, nicht zuerst daran denkt, sein Fahrzeug wegzufahren. Zumal der Wagen bereits drei Stunden nach Überziehen der Parkzeit weggefahren worden war. Inzwischen sind mit Bearbeitungsgebühren bereits 48 Euro aufgelaufen.

VON HOLGER BENECKE

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