50.000-Euro-Papier wohlverwahrt / Stadion ist im Stadtrat kein Thema mehr

Fußballer stehen in Salzwedel im Abseits

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Im vierten Monat unbespielbar: Ohne Kunstrasen hat das Seelenbinder-Stadion kaum noch Chancen.

Salzwedel. „Was nützt uns der Sportplatz, wenn er bereits im vierten Monat gesperrt ist?“ Betrübte Blicke richten derzeit Salzwedels Sportler auf einen noch trüberen Anblick – das Werner-Seelenbinder-Stadion.

Die Naturrasenplätze der Hansestädter – selbst mit einer Beleuchtungsanlage – seien im Winter nur sehr eingeschränkt nutzbar. Das schätzt ein rund 50.000 Euro teures Gutachten ein. Das hatte die Fraktion SPD/„Für Salzwedel“ 2010 beantragt. Der Stadtrat stimmte dann im Jahr 2014 zu, von einem Stuttgarter Büro das Gutachten anfertigen zu lassen.

Darin wird deshalb auch die Notwendigkeit von zwei Kunstrasenplätzen (Stadion und Flora) attestiert. Auch wenn ab und an Bewegung in die Sache kommt, passiert ist nicht wirklich etwas. So wurde 2015 in den Haushalt des Folgejahres der Bau eines Kunstrasenplatzes für das Seelenbinder-Stadion eingeplant. Kosten: 798.000 Euro, 228.000 Euro davon sollten über Fördermittel fließen. Der Kunstrasen wurde von Vereinen und Stadträten der Sanierung des Sanitärkomplexes vorgezogen, damit auch im Winter der Trainings- und Spielbetrieb weitergehen könne.

Im November 2016 flog der Kunstrasen mit Stadtratsbeschluss aus dem Haushalt wieder raus. Und das, obwohl Sachsen-Anhalts Finanzminister André Schröder Geld aus dem Stark III plus-Förderprogramm für die Sanierung öffentlicher Sportstätten anbot wie Sauerbier. Und zwar vor dem Herauskicken des Stadions aus dem Salzwedeler Haushalt und auch danach. Und das fast geschenkt, denn finanzschwache Kommunen hätten über die Investitionsbank ihren Eigenanteil finanzieren können. Doch Salzwedel reagierte nicht.

Stadtrat kickt das Stadion raus

Auch nicht im August vergangenen Jahres. Da bot Sachsen-Anhalts Sportminister Holger Stahlknecht rund 250.000 Euro Fördermittel für den Kunstrasenplatz an. Jedoch nur, wenn die Stadt die gleiche Summe dazulegt. Der Stadtrat will das bis heute nicht. Ein Gesamtausbau, um das Werner-Seelenbinder-Stadion auf ein normales Niveau zu bringen, würde nach Schätzungen von Fachleuten rund zwei Millionen Euro kosten.

Zurück zum Sportstättengutachten, das wohlverwahrt seit Jahren im Rathaus schlummert: „Im Zentrum steht dabei zum einen die Frage, welcher Sportstättenbedarf vorhanden ist, wo es Sanierungsbedarf gibt und ob gegebenenfalls Synergien geschaffen werden können. Daraus ableitend können den Investitionsentscheidungen des Stadtrates auf objektiver Basis getroffen werden.“ Die Gutachter verglichen Salzwedel mit 35 Kommunen ähnlicher Größe mit dem Ergebnis, dass es in der Hansestadt eine „leicht überdurchschnittliche Versorgung“ mit Sportplatzflächen gibt.

Von 23.523 Einwohnern im Jahr 2014, so schätzten die Gutachter, soll es in Salzwedel 2025 nur noch 20.010 geben – ein Rückgang von 15 Prozent. Ergo folgerten die Stuttgarter im Jahr 2014, dass in Salzwedel die Mitgliederzahlen im Kinder- und Jugendfußball „stark rückläufig“ sein werden. Und folgerten messerscharf: „Dies bedeutet beispielsweise für die Sportplätze eine schwindende Nachfrage und damit auch einen rückläufigen Bedarf bei den Sportplatzflächen.“ Entgegen der Bevölkerungs- und Gutachterprognose sind die Mitgliederzahlen in den Salzwedeler Vereinen jedoch stabil.

Bereits im Vorfeld der Stuttgarter Studie hatten die Salzwedeler Sportvereine aufgelistet, wo in Salzwedel der Schuh drückt. So machte der ESV Lok darauf aufmerksam, dass ein Kunstrasenplatz im Stadion notwendig sei, weil die Spiel- und Trainingszeiten „an der Grenze angekommen sind“. Das war 2012. Zugleich wiesen die Lok-Funktionäre darauf hin, dass das Hauptgebäude mit den Umkleidekabinen ausgebaut werden müsse und eine regelmäßige Erneuerung von Teilanlagen erforderlich sei. Auch die Abteilung Fußball vom SV Eintracht schlug in die Kunstrasen-Kerbe – und zwar für Seelenbinder-Stadion und Flora. Zudem forderte die Eintracht damals ebenfalls die Sanierung von Umkleide- und Sanitäreinrichtungen sowie das Umrüsten der Flutlichtanlagen auf beiden Plätzen auf LED.

16 Wattfresser und Strom geht in die Erde

Zur Erinnerung: Im Stadion fiel die Lichtanlage mit den Wattfressern im vergangenen Jahr aus, wurde auch repariert – von LED allerdings keine Spur. Die 16 Lichtmasten sind mit je 1500 Watt schön hell und teuer. Doch nicht nur sie. Auch die Erdkabelanlage ist Schrott und verteilt durch etliche Masseschlüsse mehr Strom in die Erde als in die Lampen. Deshalb sind ständige Störungen auch weiterhin vorprogrammiert. „Hierzu schlagen wir den Umbau von mindestens zwei Großspielfeldern in Kunstrasenspielfelder inklusive Beleuchtungsanlage vor“, hatten die Gutachter 2014 bereits erkannt.

Von Renee Sensenschmidt und Holger Benecke

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