Rinderhalterin fürchtet um ihre Herde: „Kommt der Wolf – gehen die Landwirte und die Weidetiere“

Wolf tummelt sich im Rinderrevier: Fördermittel? Pustekuchen!

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Eine Rinderhalterin aus der Altmark  fürchtet um ihre Herde: „Kommt der Wolf – gehen die Landwirte und die Weidetiere“

Tylsen. Zehn Jahre nach Einwanderung der Wölfe fühlen sich die Rinderhalter alleingelassen. „Es gibt keinerlei Förderung zum Schutz für Landwirte zum Schutz von Rinderherden“, ärgert sich Dr. Evelyn Menke. Trotz Zusagen, dass ab Januar mit neuen Richtlinien zu rechnen sei. Bei ihrer Nachfrage wurde Menke beim zuständigen Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Dessau-Roßlau auf Jahresende vertröstet.

Die Tierärztin Dr. Evelyn Menke hat Angst um ihr „Rotes Höhenvieh“. Die geschützte Rasse wird in Tylsen artgerecht gehalten und ist somit Wolfsangriffen ausgesetzt. Erste Fährten von Isegrim wurden – nur 60 Meter vom Hof entfernt – auf der Weide bereits entdeckt.

Doch jetzt brennt es ihr unter den Nägeln. Ein Mitarbeiter der Tierärztin Dr. Evelyn Menke, die mit ihrem Mann, Norbert Hötzel, auf dem Kleinen Hof in Tylsen auch Rinder hält, hat eine Wolfsfährte entdeckt – nur etwa 60 Meter vom Hof entfernt auf einer durch Weidezäune gesicherten Weide. „Dort kommt kein Hund hin“, bekräftigt Hötzel. Zudem berichtet Menke davon, dass auch während der Jagd am Wochenende bei Niephagen ein Wolf gesichtet worden sei. Sie weiß auch von vier Wolfswelpen, die im vergangenen Jahr in einer ehemaligen Kiesgrube zwischen Wallstawe und Wistedt mehrfach gesehen wurden. Und die wären nun einem Alter, wo sie selbst auf die Jagd gehen, vermutet Menke. Und die Tierärztin fügt an: „Wenn das Futter so nett eingezäunt und damit fluchtunfähig präsentiert wird, bedient sich der Wolf als enorm intelligenter und lernfähiger Beutegreifer eben.“ Dr. Menke prangert an, dass es trotz fast 50 Rinderrissen durch den Wolf im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt keine Unterstützung für die Rinderhalter gibt.

Vier Welpen bei Wistedt / Fährten bei Tylsen / Tierärztin sieht ihre Herde in Gefahr / Amt wimmelt ab

Tylsen. „Kommt der Wolf – gehen die Landwirte und die Weidetiere. “ Das sagen die Tierärztin Dr. Evelyn Menke und ihr Ehemann, Norbert Hötzel, die in Tylsen Landwirtschaft betreiben. Denn der Wolf steht schon auf ihrer Weide.

Dort hat ein Mitarbeiter am Freitag eine frische Fährte gefunden. Das Paar schlägt schon lange Alarm, hat Angst um seine Tiere. Sie züchten vier gefährdete Tierarten – unter anderem Rinder der Rasse „Rotes Höhenvieh“.

Laut Wolfskompetenzzentrum und Landesregierung sollen in Sachsen-Anhalt zirka 70 bis 80 Wölfe leben, hat Dr. Menke herausgefunden. „Insider gehen von mindestens 300 aus. Allein das Klietzer Rudel hat 52 nachgewiesene Nachkommen, in der Klötzer Region gibt es elf Wölfe, im Ferchau wurden sieben verschiedene Wölfe gesichtet, im Wald nahe Wötz warf eine Wölfin im vergangenen Jahr vier Welpen“, hat die Tierärztin zusammengetragen. Und weiß weiter: „In jüngster Zeit gab es Sichtungen in Kuhfelde, Niephagen, Wieblitz und Gerstedt und im ehemaligen Salzwedeler Stadtwald.“

Neue Richtlinie: Wir arbeiten noch dran

Die Rinder vom Kleinen Hof in Tylsen werden artgerecht, ganzjährig in der Herde in Offenställen auf der Weide gehalten. „So wie es die Politik in Hinsicht auf das Tierwohl gebetsmühlenartig fordert und angeblich auch fördert. Umwelt- und Naturschützer nehmen aber die brutal gerissenen Nutztiere achselzuckend in Kauf und fordern einen Kuschelkurs mit dem Wolf“, ärgert sich Menke. Zudem ihr als Rinderhalterin – im Gegensatz zu Schafhaltern – keinerlei Unterstützung zuteilwird. Und das, obwohl Rinder- und auch Pferderisse durch Wölfe zunehmen.

Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatten Menke und Hötzel das Problem angesprochen und eine Beraterin aus dem Wolfskompetenzzentrum in Iden zu sich gebeten. Diese habe zu Schutzmaßnahmen geraten. Doch: Wer soll neun Hektar Weideland, dessen unterste Drahtlitze am Schutzzaun auf 20 Zentimeter Höhe gespannt ist, in der gesamten Vegetationsperiode freischneiden? Wie viele Arbeitsstunden kostet es, fünf Drähte übereinander zu spannen? Was kostet allein das Material? Und wer bezahlt die Kosten für Blitzlichter am Zaun, buntes Abwehrband, Eingraben des Schutzes usw.? Das sind die Fragen der Rinderzüchterin. Die Landwirtin blickte gespannt auf Ruben Engel, den Stendaler Grünen-Kreischef, der sich gegen eine „künstlich geschürte Wolfshysterie“ wendet und betont, dass die Prävention von Schäden vom Land finanziell unterstützt werde. Auch Sachsen-Anhalts Umwelt- und Landwirtschaftsministerin Prof. Dr. Claudia Dalbert würde Dr. Evelyn Menke gerne beim Wort nehmen. Denn die stellte im Dezember eine verbesserte Förderung zur Prävention auch für Rinder- und Pferdehalter in Aussicht.

Ums Ministerium streicht kein Isegrim

In Tylsen ist davon noch nichts angekommen. Auch beim zuständigen Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten in Dessau-Roßlau (ALFF) nicht. Das arbeitet immer noch an entsprechenden Richtlinien, die eigentlich schon in diesem Monat erlassen sein sollten. Und wird das auch noch eine ganze Weile tun. Vor Ende des Jahres werde das wohl nichts werden, erfuhr Dr. Menke von einer Sachbearbeiterin. Derweil stricht Isegrim nicht um das ALFF oder das Landwirtschaftsministerium, sondern um die Herde von Dr. Menke.

Aber immerhin sollen zwei Pilotprojekte zum Schutz von Rindern in diesem Jahr laufen. Und auch die Präventionsförderung werde weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, vermutet Menke. „Hier wird der kaum machbare Schutz vor dem von der Politik gehätschelten Wolf komplett auf die Landwirte übertragen“, sieht Menke vor allem die kleinen Züchter betroffen. Landwirte, die ihre Tiere in großen Stallanlagen halten, bräuchten vor den Wölfen keine Scheu zu haben. Es träfe jene, die ihre Tiere artgerecht halten, damit diese artgerecht vom Wolf gerissen werden können, ist die Tylsenerin erbost. Dr. Evelyn Menke: „Die Realitätsverweigerung der Verantwortlichen und die amtliche Scheu, Daten zu veröffentlichen, sind so nicht weiter hinnehmbar. Irgendwann werden den Bauern die Kräfte und auch die finanziellen Mittel ausgehen.“

Wolfsrevier auf Grüner Wiese

Neben der ständigen Angst um ihre Herden müssen die Landwirte dann auch noch die übel zugerichteten Kadaver entsorgen, so die Tierärztin. Und weiter: „Die Grüne Wiese mit Zukunft wird eventuelle Touristen in Zukunft wohl als Wolfsrevier statt mit Weidetieren empfangen. Immerhin ist die Zukunft des Wolfes gesichert, und die schwindende Bevölkerung hinterlässt ihm zusätzlichen Platz.“

Von Holger Benecke

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