18-jähriger Salzwedeler Brandstifter zündelte erst mit der Clique und machte dann allein weiter

Vom Feuer verführt – wie ein 18-Jähriger zum Brandstifter wurde

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Der am Donnerstag verurteilte Brandstifter hatte sich in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober auf einem Parkplatz an der Karl-Marx-Straße das mittlere Auto nicht zufällig ausgesucht. „Damit die anderen auch brennen“, kam beim Prozess vor dem Salzwedeler Amtsgericht heraus.

Salzwedel. Die Feuerwehr ist seine Freizeitbeschäftigung gewesen – mit seinen Taten und seiner Verurteilung wegen mehrfacher Brandstiftung hat der 18-Jährige der Salzwedeler Ortswehr stattdessen einen großen Imageschaden eingebracht (wir berichteten).

Ortswehrleiter Mario Müller, der kürzlich enttäuscht über kaputtgemachte Arbeit geklagt hatte, musste als Zuschauer am Donnerstag im Amtsgericht mitverfolgen, wie ein potenzieller junger Einsatzmann äußerst knapp und auch nur vorläufig dem Gefängnis entronnen ist.

Während des Prozesses kamen viele Details über die Vorgänge im Oktober 2016 ans Licht. Und auch die verhängnisvolle Rolle des Jugendfeuerwehrwartes, der auf seine Schützlinge aufpassen sollte.

Der 18-Jährige komme zwar aus normalem Elternhaus, sei aber in jüngeren Jahren mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung) diagnostiziert worden. Seit dem Beenden einer Förderschule befand er sich in Vorbereitung auf eine Lehre. Der Sachverständige las im Prozess weitere Einschätzungen, auch der Mutter, vor: So sei der junge Mann ein Einzelgänger, zudem gemobbt worden und schließe nur schwer Freundschaften. Vor Gericht war er kaum zu verstehen; Richterin Simone Schreiber musste ständig nachfragen.

„Eigentlich hatte ich nur die Feuerwehr“, sagte der Verurteilte über sich. Dort schien er mit den anderen ermittelten Tatbeteiligten eine Clique und mit dem derzeit in Untersuchungshaft sitzenden Jugendwart ein Vorbild gefunden zu haben. Mit ihnen gehe er durch dick und dünn – eine falsch verstandene Freundschaft, wurde vor Gericht über ihn analysiert.

Zu sechst hingen sie am Abend des 3. Oktober an der Mönchskirche herum. Sie tranken ein paar alkoholische Mischungen aus Wodka und Energydrinks. Der Jugendwart soll auf die Idee gekommen sein, ein leer stehendes Haus anzuzünden, berichtete der 18-Jährige. An der Altperverstraße spähten er und ein anderer ein passendes Objekt aus, die anderen warteten. Doch ein Bewegungsmelder habe sie verschreckt und sie sind zum Parkplatz am Chüdenwall gegangen. Ohne diesen hätte das Haus anstatt später Autos gebrannt, mutmaßte der Brandstifter.

Ein Haus sollte brennen

„Warum dort?“, fragte die Richterin. „Ein ruhiger Ort, nicht so beobachtet“, lautete die Antwort. Zwei Autos parkten dort. Der 18-Jährige erklärte sich wie gewöhnlich bereit, die Tat auszuführen. Auch den Kohlenanzünder holte er aus der Garage des Jugendwarts.

Als das Feuer brannte, verschwand die Truppe. Etwa 15 Minuten später die Sirene. Beim Löschen halfen er und der Jugendwart mit. „Ein bescheiden schönes Erlebnis“, meinte der Verurteilte zu dieser Situation. Erst im August war er volljährig geworden, durfte nun bei den Erwachsenen mit ran. Einen Löscheinsatz hatte er sich gewünscht, so seine Aussage vor Gericht. Damit die Wahrheit nicht bekannt wird, soll der Jugendwart die Truppe zum Stillschweigen verpflichtet haben.

Dann war zweieinhalb Wochen Ruhe. Bis zum 21. Oktober. Ein Dachstuhl soll in Ellenberg brennen; der 18-Jährige wurde alarmiert, kam aber nicht zum Einsatz, berichtete er. Stattdessen ging es in die Garage des Jugendwarts. Wieder wurden Mischungen getrunken und der Entschluss gefasst, „Scheiße zu bauen“.

Aber wo? An der Comenius-Schule, soll der Jugendwart gesagt haben. Den Kohlenanzünder besorgte der 18-Jährige von einer Tankstelle und meldete sich auch freiwillig für das Anzündkommando. Warum, das konnte er vor Gericht nicht schlüssig begründen. Vielleicht sei es der Alkohol gewesen, der das schlechte Gewissen unterdrückte.

Erst fackeln, dann löschen

Nachdem einer der sechs zuvor gegangen war, schritten die Übrigen zur Tat. „Einer hat aufgepasst, zwei haben gezündet, und zwei standen abseits“, erläutert der junge Mann im Prozess. Er und der andere suchten sich zwei Autos aus. Als ein Bewegungsmelder anging, habe sich der andere nicht mehr getraut. Also steckte der 18-Jährige auch das zweite Fahrzeug mit der bewährten Methode, den Kohlenanzünder auf den Vorderreifen platzieren und anzünden, an. Etwas, was er vom Jugendwart gelernt haben will. Wie die Autos brannten, hätten sie nicht mehr beobachtet. Fünf Pkw wurden dabei zerstört, vier weitere beschädigt, listet die Richterin auf. Der Schaden übersteigt die 100 000-Euro-Marke.

Auch diesmal halfen der Verurteilte und sein inhaftierter Jugendwart bei den Löscharbeiten, hieß es vor Gericht. Interessantes Detail: Der Jugendwart selbst soll den Brand gemeldet haben. „Ich habe mich gewundert, dass mehr als zwei Autos brannten“, erklärte der 18-Jährige.

Während die anderen erst einmal genug hatten, konnte der junge Mann scheinbar nicht vom Zündeln lassen. Etwas, wofür ihn Richterin Schreiber und die Schöffen später beinahe gleich ins Gefängnis befördert hätten.

Der Verurteilte musste am Richtertisch einen Nachrichtenverlauf seines sichergestellten Handys vorlesen: „Soll ich den Grillanzünder mitbringen?“, habe er den Jugendwart gefragt. „Nein, noch nicht“, so die Antwort.

Allein auf Brandtour

Mit dem Fahrrad, so schilderte der 18-Jährige, sei er am Abend alleine losgefahren, zum Auto-Plus-Parkplatz an der Karl-Marx-Straße. Er habe sich das Auto in der Mitte ausgesucht. „Damit die anderen auch brennen“, gab er im Gericht zu.

Genug hatte er noch nicht. Er fuhr zum Bahnhof. Dort stand ein Auto. Doch dieses Mal wurde er beim Versuch des Anzündens erwischt und festgehalten. „Das ist aus Versehen passiert. Sie können mich ruhig laufen lassen. Ich mache das nicht noch einmal“, soll er laut Akte zu den beiden Passanten gesagt haben. Doch die ließen ihn nicht laufen.

„Was wäre, wenn man Sie nicht erwischt hätte?“, wollte die Richterin wissen. Er wäre nach Hause gefahren, hätte beim Löschen mitgeholfen und wahrscheinlich bei nächster Gelegenheit wieder weitergemacht, erfuhr das Gericht.

Auch die anschließenden Ermittlungen waren Gegenstand der Gerichtsverhandlung am Donnerstag. Nach der Verhaftung des 18-Jährigen habe es schnell Hinweise auf zwei weitere Mitglieder der Truppe gegeben. Zudem erbrachte die Durchsuchung des Zimmers im elternlichen Heim Beweise – neben dem Handy auch eine Kohlenanzünderpackung.

In der U-Haft geständig

Der Verurteilte selbst saß da schon in einer Jugendvollzugsanstalt. Wenige Tage nach seiner Verhaftung wurde er vernommen, sagte der Ermittler vor Gericht aus. Der Inhaftierte sei geständig gewesen und habe darüber hinaus nicht nur drei weitere Komplizen benannt, sondern auch die Vorfälle des 3. Oktober offenbart.

„Wir hätten diese Straftat nicht nachweisen können“, gab der Ermittler zu. Erst die Aussage habe die Polizei letztlich auf die Spur des Jugendwarts gebracht, wurde gesagt.

Diesen hat die Staatsanwaltschaft bereits im Visier. Der Prozess soll Ende März beginnen. Der verurteilte 18-Jährige wird dabei eine zentrale Figur sein, denn seine Chance auf Bewährung hänge unter anderem von seiner Rolle als Zeuge ab, machte der Staatsanwalt deutlich.

Um nicht für zwei Jahre ins Gefängnis zu gehen, muss der Verurteilte an einem sozialen Trainingskurs teilnehmen, seine Ausbildung oder etwas Vergleichbares vorantreiben, sich bei den Geschädigten entschuldigen und Schadenersatz leisten – auch mit seinen 700-Euro-Jugendweihe-Geld.

Von Jens Heymann

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