Das Autonome Zentrum sieht sich heftiger Anwohner-Proteste ausgesetzt – jetzt will man sich öffnen

„Erstmal kann hier jeder rein“

Nur das Erdgeschoss (Foto) und der dritte Stock können begangen werden – der Rest ist Baustelle. Fotos (2): Mitzlaff

Salzwedel. Nein, Öffentlichkeit ist eigentlich nicht ihr Ding. Bernd – wie er wirklich heißt, will er lieber nicht sagen – öffnet die schwere Eingangstür erst nach mehrmaligem Klingeln.

Die Fenster im Erdgeschoss sind mit Gittern versperrt, manche noch durch Sperrholz verstärkt. „Die Gitter gibt es schon seit Jahrzehnten“, betont Micha. Auch sein richtiger Name ist das nicht.

Informationsmaterial über die Szene der Antifaschistischen Aktion (Antifa) hat der Verein im Autonomen Zentrum ausgelegt.

Das Autonome Zentrum an der Altperverstraße am Rande der Salzwedeler Innenstadt gibt es dagegen erst seit knapp zwei Jahren – sehr zum Leidwesen von Anliegern der benachbarten Mühlenstraße. Mehrere von ihnen haben sich jetzt in einem Schreiben an die Fraktionen des Stadtrates gewandt, in dem sie sich über nächtliche Lärmbelästigungen, für die Fachwerkhäuser gefährliche Feuer und wilde Müllhalden beschweren. „Wir wollen uns für die Unannehmlichkeiten entschuldigen“, sagt Micha dazu. Er ist ein Sprecher des „Vereins für Kultur und Courage e. V. (KuCo), der das Haus nach eigenen Angaben vergangenen Herbst für den symbolischen Preis von einem Euro gekauft hat. Micha und Bernd sitzen auf zwei Sofas im Erdgeschoss, davor steht eine aus Bierkisten und Holz gezimmerte provisorische Bühne. Hier war für Dienstagabend ein Vortrag zu „antirassistischen Kämpfen“ geplant. Im dritten Stock könne man sich auch noch aufhalten, der Rest sei Baustelle, erklärt Micha.

Anwohner fühlen sich eher an eine Ruine erinnert. Zahlreiche Fenster sind zerbrochen, im Hof liegen Schutt und verkohlte Holzteile. Aus den Ruhestörungen habe man Konsequenzen gezogen, versichert Micha: Das Verhalten von Einzelpersonen sei intern schon kritisiert worden. „Gerade zu Veranstaltungen ist es schwierig zu entscheiden, wer kommt, denn erstmal kann hier jeder rein“. Erst wenn das Verhalten untragbar sei und die Betroffenen sich uneinsichtig zeigten, würden sie vor die Tür gesetzt. „Dann ist es aber oft schon zu spät“, räumt Micha ein.

Denn die Vereinsmitglieder wollen die völlige Basisdemokratie – und das sorgt dafür, dass sich der Einzelne kaum etwas zu entscheiden traut. Dienstags tagt das so genannte Plenum, das selbst kleinste Nebensächlichkeiten erst ausdiskutieren muss. Ein ziemlich träges System, wie auch Micha weiß; mit dem Resultat, dass man zwar viel untereinander spricht, sich aber um die Nachbarschaft nicht gekümmert hat.

Das soll jetzt besser werden, versichert der Vereinsvorsitzende. Er schlägt einen „Runden Tisch“ im gegenüberliegenden Hanseat vor. Schließlich hoffe man, mit der eigenen Lebensphilosophie Vorbild für andere zu sein.

Auch das Autonome Zentrum sei für jedermann zugänglich, schließlich gebe es hier auch einen Info-Laden. Dort können Interessierte erfahren, wie die Autonomen ein Zeichen setzen wollen gegen die rechte Szene im Altmarkkreis. Die Anwohner hören die leisen Töne mit Argwohn – zu oft schon wurden sie um ihre Nachtruhe gebracht.

Von Thomas Mitzlaff

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