IM GERICHT: Erst Opfer, dann Angeklagter

Salzwedel: Syrer sieht Urteil gegen Peiniger und ist danach selbst dran

+
(Symbolbild)

Salzwedel – Zwei Prozesse gegen insgesamt drei Syrer am Freitag vor dem Salzwedeler Amtsgericht haben an den bunten Trubel auf einem nahöstlichen Basar erinnert.

Zunächst mussten sich zwei von ihnen für eine Attacke auf den Dritten verantworten; später saß dieser in einer anderen Sache wegen Bedrohung und Nötigung der Lehrerin einer Salzwedeler Grundschule selbst auf der Anklagebank.

Bereits beim ersten Verhandlungstag (wir berichteten) hatte der Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung für Kopfschütteln bei der Justiz geführt. Denn das 31-jährige Opfer entschuldigte sich bei den beiden Angeklagten (24 und 31 Jahre), nahm sie in Schutz und wollte gar die Kosten des Verfahrens übernehmen.

Kein Handel

Doch so leicht ließ die deutsche Justiz nicht mit sich handeln. Der Vorwurf: Die beiden Syrer sollen ihren Landsmann im Juni 2018 auf dem Rathausturmplatz in den Magen getreten und ihm eine volle Flasche Bier über den Kopf gezogen haben. Der Verletzte hatte zudem angegeben, dass beide Angreifer betrunken gewesen seien. Der Grund für die Auseinandersetzung soll in der einen Variante üble Nachrede gegen einen der Angeklagten und in der anderen Variante ein ins Ernste abgedrifteter Schlagabtausch gewesen sein.

Am Freitag nun, zwei Wochen nach dem ersten Gerichtstag, stand die zweite Runde an. Opfer und vermeintliche Täter hätten sich zwischenzeitlich wieder versöhnt und ein Geschenk zur Wiedergutmachung ausgetauscht, hieß es vor Gericht.

Ramadan und Bier

Zwei Zeugen sollten Licht in die Auseinandersetzung bringen. Es sei miteinander diskutiert und gegenseitig beschimpft worden, sagten sie. Ein Iraker meinte, die beiden Syrer hätten das Zuschlagen mit der Bierflasche vorher geplant. So hätte es jedenfalls auf ihn gewirkt. Alkohol konnte er nicht wahrnehmen – es sei schließlich Ramadan, islamischer Fastenmonat, gewesen. Nach dem Vorfall hätten sich die beiden Angeklagten ganz schnell davongemacht.

Vom Stuhl gefallen

Ein zweiter Zeuge führte die Vorfälle an jenem Juni-Tag fort. So habe das Opfer ihn angerufen, um sich vom Krankenhaus abholen zu lassen. Er sei vom Stuhl gefallen, so die Antwort des 31-Jährigen auf die Frage nach dessen Verletzung. Erst später hätte er zugegeben, Stress mit Landsleuten zu haben, schilderte der Zeuge.

Die beiden Parteien seien danach vor einem Markt an der Altmark-Passage noch einmal aufeinandergetroffen. Dort hätten die Angeklagten gedroht, das nächste Mal mehr als nur eine Bierflasche zu nehmen, und dass die Polizei ihm nicht helfen können würde.

Staatsanwalt Thomas Kramer mahnte die Angeklagten, ein Geständnis abzulegen. Vor allem nachdem sich alle wieder miteinander versöhnt hätten. Doch von diesem Angebot machten beide Syrer keinen Gebrauch. Sie hätten bereits alles gesagt.

Für Kramer stand die Schuld der beiden fest. Wer letztlich zugeschlagen hat, sei bei einer gemeinschaftlich geplanten und ausgeführten Tat nicht entscheidend. Es liege auch nicht im Ermessen von Opfer und Täter, ob bestraft wird oder nicht, so der Ankläger. Er forderte für beide Syrer je zehn Monate auf Bewährung (drei Jahre). Richter Dr. Klaus Hüttermann folgte dem Antrag mit seinem Urteil.

Platzwechsel

Danach wurde es kurios: Das Opfer wechselte vom Zuschauer- auf den Anklageplatz. Die Frage, warum er zunächst zu spät vor Gericht erschienen sei, begründete er mit einem Termin beim Steuerberater. „Das ist wichtiger?“, fragte Richter Hüttermann. Und Staatsanwalt Kramer wollte wissen, wozu jemand, der vom Jobcenter Leistungen bezieht, einen Steuerberater benötigt. Er habe einen Nachbar begleitet, der eine Wasserpfeifenbar eröffnen will, sagte der Syrer.

Der Vorwurf gegen den 31-Jährigen bezog sich auf ein Ereignis im November 2018. Weil sein Sohn die nächste Klasse in einer Grundschule nicht erreichen würde, soll er der Lehrerin gedroht haben. „Scheiß Schule, scheiß Deutschland. Ich komme hier und mache welche tot“, las Richter Hüttermann aus dem Protokoll vor.

Sprachprobleme

Der Angeklagte verteidigte sich damit, dass er aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse missverstanden worden sei. Tatsächlich habe er Zustände in Syrien beschreiben und damit zeigen wollen, was er und seine Familie durchgemacht hätten. Der Richter hielt dagegen, dass die Zitate des Angeklagten wohl kaum missverstanden werden konnten.

Weil sich der 31-Jährige bereits für das Amtsgericht Gardelegen in einer nicht näher erläuterten Angelegenheit bewähren muss, sah die Salzwedeler Justiz von einem weiteren Urteil ab und stellte das Verfahren vorläufig ein.

VON JENS HEYMANN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare