Große Freude in Wistedt: „Die Franzosen kommen“ / 1.300 Kilometer zu den Spuren des Großvaters

„Der Enkel von unserem Antoine“

+
Udo Petz (l.) mit seinen Eltern Anita und Heinz: Anita Petz kann sich noch gut an Antoine Seruch erinnern und freut sich auf den Besuch des Enkels von „unserem Franzosen“.

Wistedt / Grenoble. In Wistedt hat sich Besuch angekündigt. Aus Frankreich. An sich nichts Besonderes – doch es kommt der Enkel eines französischen Kriegsgefangenen, der von 1940 bis 1945 in dem kleinen Altmarkdorf in der Landwirtschaft half.

Antoine Seruch, so hieß der Franzose, ist 1988 gestorben. Sein Enkel, Alain Velle, ist bei der Spurensuche über das Leben seines Großvaters auf Wistedt gestoßen und konnte Mithilfe von Salzwedels Stadtarchivar Steffen Langusch sehr viel herausbekommen.

Bei einem Familientreffen am 5. August, beschlossen die Franzosen, nach Wistedt zu reisen und mit den dort noch lebenden Zeitzeugen zu reden, um noch mehr über ihren Verwandten zu erfahren.

Margarete Haupt bekam Antoine Seruch (Foto) als Helfer, weil ihr Mann Friedrich an der Front war. Das Foto ist aus den 1980er Jahren.

Das sorgt in Wistedt für Aufregung. Besonders bei Anita Petz: „Ich kann mich an unseren Antoine noch sehr gut erinnern, besonders an seine dicke dunkelblaue Warze auf der Nase.“ Dieses markante Erkennungszeichen hatte auch die letzten Zweifel beseitigt, dass es sich bei „unserem Antoine“ um Antoine Seruch, den Großvater von Alain Velle, handelt. „Meine kleine Schwester, die zweijährige Margot Haupt, saß immer bei Antoine auf dem Schoß und bettelte um Schokolade“, schmunzelt Anita Petz, geborene Haupt. Die Schokolade bekamen die kriegsgefangenen Franzosen in ihren Rot-Kreuz-Päckchen.

Dieses Foto – es zeigt Antoine Seruch (hinten, 2.v.r.) mit seinen Kameraden in Wistedt – gehört Hansjochen Meyer. Nun ist die gleiche Aufnahme im 1.300 Kilometer entfernten Grenoble aufgetaucht.

Antoine Seruch und seine Kameraden halfen auf dem Hof der Familie Haupt. Der Bauer, Friedrich Haupt, war an der Front und so bekam seine Frau Margarete Hilfe in Form des französischen Kriegsgefangenen, um die Landwirtschaft bewältigen zu können.

Colette (l.) und Ginette Seruch sind die Töchter von Antoine Seruch, der in Wistedt als Kriegsgefangener in der Landwirtschaft half.

„Die Franzosen sollen nur kommen“, freut sich Anita Petz, „hier in Wistedt hat sich ja kaum etwas verändert. Alle Häuser stehen noch, sodass sich Antoines Enkel einen guten Überblick über das Leben seines Großvaters verschaffen kann.“ Alain Velle will im Oktober kommen und seine Frau und seine Kinder mitbringen. Ob Colette und Ginette Seruch, die Töchter von Antoine Seruch, den etwa 1300 Kilometer langen Weg von Grenoble nach Wistedt auf sich nehmen werden, ist noch unklar. Für die betagten Damen wäre das eine ganz schöne Strapaze.

Alain Velle will auf jeden Fall mit Anita Petz sprechen, den Haupt’schen Hof sehen, auf dem sein Großvater gearbeitet hat, mit den Zeitzeugen Hansjochen und Bernhard Meyer, Erhard Heyer, Hermann und Heinz Schäfer sprechen und natürlich das deutsche Dorf kennenlernen. Ortschronist Matthias Jürges bereitet das Treffen in Wistedt vor.

Von Holger Benecke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare