Billings Vergangenheit: Mark Bluhm hat recherchiert

„Ein Affront gegen die Persönlichkeit“

Salzwedel. Prof. Heinz Billing ist mehrfach ausgezeichnet worden, sogar ein Preis wurde nach ihm benannt. Nun soll er Ehrenbürger der Hansestadt Salzwedel werden, nachdem Oberbürgermeisterin Sabine Danicke und Stadtratsvorsitzender Gerd Schönfeld ihn persönlich nach seiner Vergangenheit befragt haben.

Denn vor der Verleihung will man in Salzwedel wissen, was der heute 99-jährige und bei München lebende Heinz Billing während der NS-Zeit so gemacht hat. Der Salzwedeler Mark Bluhm sieht das als „Affront gegen die Persönlichkeit Billings“, findet es „ärmlich“, dass angeblich für die Zeit von 1932 bis 1948 keine Informationen zu finden sind. Bluhm selbst hat Billings Wikipedia-Eintrag bearbeitet – mit den Daten von 1932 und 1948 – und verweist auf Veröffentlichungen – zum Teil seine eigenen – über den Pionier der Computerentwicklung.

Nach Bluhms Recherchen hat sich Heinz Billing nach zehnsemestrigem Studium bei der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) Göttingen beworben, um dem Wehrdienst zu entgehen. 1938 sei Billing dann doch einberufen worden, und zwar zum Scheinwerferregiment nach Wolfenbüttel. Anfang 1941 soll er überraschend als UK (unabkömmlich) eingestuft worden sein, was offenbar sein ehemaliger AVA-Institutsdirektor Hans Georg Küßner bewirkt hatte. So konnte sich Billing dem aktiven Wehrdienst und dem Kriegstreiben entziehen. Am 8. April 1945 marschierten amerikanische Truppen in Göttingen ein und besetzten die AVA. Nach einigen Monaten seien die Tore der AVA allerdings durch die britische Research Branch mit Sitz in der AVA Göttingen für einen kleinen Teil der Mitarbeiter, darunter Billing, wieder geöffnet worden. Mit Hilfe englischer Besatzungsoffiziere wurde im Mai 1946 ein „Institut für Instrumentenkunde“ gegründet. Darin baute Billing ein Labor für Hochfrequenztechnik auf.

Dass Billing Mitglied der NSDAP war, will der Salzwedeler Mark Bluhm nicht ausschließen. „Das wäre jedoch im Bereich der Wissenschaft zu dieser Zeit nicht unbedingt verwunderlich, immerhin ging es an der AVA Göttingen um Flugzeugerforschung“, so Bluhm.

Heinz Billing wurde am 7. April 1914 in Salzwedel geboren, sein Vater war Rektor der Mädchenvolksschule Salzwedel. Billing wuchs am Großen Stegel auf und legte 1932 das Abitur am Jahn-Gymnasium ab. Nach dem Mathe- und Physikstudium in Göttingen promovierte er 1938 in München. Am 3. Oktober heiratete er Anneliese Oetker in Salzwedel.

Mark Bluhm findet, dass sich Danicke und Schönfeld „die peinliche Befragung des 99-jährigen Seniors“ sparen sollten. Er hält die Vermarktung so bedeutender Persönlichkeiten für wichtig.

Von Ulrike Meineke

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