Leerstehende Kaufhalle in Pretzier

Ein Dorf aus dem Harz zeigt, wie es gehen könnte

Der ehemalige PUG-Kauf in Pretzier steht seit einiger Zeit leer. Während die Pretzierer darauf hoffen, dass sich wieder eine Marktkette im Ort ansiedelt, haben die Einwohner von Deersheim, einem Ortsteil von Osterwieck, ein ähnliches Problem anders gelöst. Foto: Archiv / hey
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Der ehemalige PUG-Kauf in Pretzier steht seit einiger Zeit leer. Während die Pretzierer darauf hoffen, dass sich wieder eine Marktkette im Ort ansiedelt, haben die Einwohner von Deersheim, einem Ortsteil von Osterwieck, ein ähnliches Problem anders gelöst.
  • Jens Heymann
    VonJens Heymann
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Pretzier / Deersheim. Zwei unterschiedliche Orte – ein gemeinsames Problem: Sowohl in Pretzier als auch in Deersheim (Ortsteil von Osterwieck, Landkreis Harz) hat vor einiger Zeit die langjährige Kaufhalle geschlossen.

Während im Salzwedeler Ortsteil noch immer keine neue Einkaufsmöglichkeit besteht, haben die Menschen im Harz längst ein neues Nahversorgungszentrum geschaffen. Ortsbürgermeister Wolfgang Englert war am Sonnabend Gast des „Unsere Dörfer haben Zukunft?!“-Seminars in Umfelde und berichtete den Altmärkern von seinen Erfahrungen. „Wer etwas haben will, der muss auch etwas dafür tun“, verweist der Mann aus dem Harz auf den großen ehrenamtlichen Einsatz.

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Deersheim macht den Laden selbst 

Vorbild für Pretzier? Nach dem Ende der Kaufhalle gründeten die Einwohner eine Genossenschaft

Selbst mehr als ein Jahr nach der Schließung des PUG-Kauf in Pretzier ist die Hoffnung auf eine neue Einkaufsmöglichkeit im Ort nicht gestorben. Auch wenn mögliche Interessenten wie die Discounter-Marke Norma bislang weder ja noch nein gesagt haben.

Wolfgang Englert, Ortsbürgermeister von Deersheim.

Dass banges Warten nicht zwangsläufig zu einem positiven Ende führen muss, haben die Einwohner von Deersheim im Harz gesagt. Der Ortsteil von Osterwieck weist einige Parallelen zu Pretzier auf. Die Einwohnerzahl ist mit etwa rund 750 zwar etwas geringer, aber auch dort stand die altgewohnte Kaufhalle leer. Mit einem Dorf ohne Dorfladen wollten sich die Leute dort aber nicht abfinden. Eine erste Versammlung stieß auf großes Interesse und auch eine passende Immobilie (nicht die alte Kaufhalle) wurde gefunden. Die Hausbefragung einer sogenannten Lenkungsgruppe brachte den Befürwortern des Dorfladens die Gewissheit, auf die Unterstützung der meisten Einwohner zählen zu können. 

In Sachen Betreiberform einigten sich die Deersheimer schnell auf eine Genossenschaft. Für die entsprechend Werbung gemacht wurde. Zwischen dem Schließen ihrer alten Kaufhalle 2012 bis zum Eröffnen des neuen Dorfladens vor fast genau einem Jahr lag viel Arbeit für die Deersheimer. Sie gründeten die Genossenschaft, holten Fördermittel ein und überstanden auch manchen Rückschlag. 

Ortsbürgermeister Wolfgang Englert erwähnt gegenüber der AZ, dass sich irgendwann die Überzeugung einstellte, ein einzelner Laden bringe dauerhaft nichts, sondern müsse Teil eines Systems sein. Also wurde das ursprüngliche Konzept um ein Café mit Frühstück, Beratungsraum, Poststelle usw. erweitert. Eine Textildesignerin gibt außerdem Kurse und zahlt so Miete an die Genossenschaft. Monatlich finden zudem eintrittspflichtige Veranstaltungen statt. Eine Sonntagsbäckerei habe sich übrigens nicht gerechnet, so Wolfgang Englert, der übrigens jedem Neugeborenen einen Anteil an der Genossenschaft finanziert. 

Bei all dem, was die Deersheimer erreicht haben, darf ein Aspekt nicht vergessen werden: „Das Riesenpaket ehrenamtliche Arbeit“, wie Ortschef Englert betont. Eine Putzgruppe kümmert sich etwa um die Reinigung. Vier bezahlte Halbtagskräfte und eine Aushilfe aus dem Dorf arbeiten im Geschäft und kümmern sich um die durchschnittlich 90 Kunden täglich. 

Wolfgang Englert reist nun viel umher, um den Werdegang der Deersheimer Genossenschaft aufzuzeigen. Auch in der Altmark ist das Modell nun bekannt.

Von Jens Heymann

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