Auswirkungen der Pandemie

Dezernentin Kathrin Rösel und Psychologin Claudia Kwiatkowski sprechen über Auswirkungen der Corona-Pandemie

Dezernentin Kathrin Rösel und Psychologin Claudia Kwiatkowski.
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Dezernentin Kathrin Rösel und Psychologin Claudia Kwiatkowski.
  • vonLydia Zahn
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Die Corona-Pandemie zieht sich bereits seit Anfang des vergangenen Jahres. Und noch ist kein Ende in Sicht. Die Impfstoffe versprechen Hoffnung und Besserung in der Hinsicht, das gewohnte Leben wieder aufnehmen zu können. Dass sich der Alltag wieder normalisiert. Aber was ist noch normal? Denn spurlos wird der Lockdown nicht an den Menschen vorbeigehen. Zu groß waren die Auswirkungen.

Salzwedel / Altmarkkreis - Die Psychologin Claudia Kwiatkowski ist Bindeglied zwischen dem Gesundheitsamt des Altmarkkreises in Salzwedel und psychischen Beratungsstellen. Sie und Kathrin Rösel, Dezernentin beim Altmarkkreis, stellten sich den Fragen der AZ-Volontärin Lydia Zahn und erklärten, wie sich die Pandemie auf die Bürger auswirkt und -wirken wird.

Haben sich die Probleme, Anliegen und Beschwerden der Bürger seit dem Lockdown verändert?
Rösel: Eine große Unsicherheit ist bei allen Schichten, Altersgruppen und Geschlechtern zu merken. Das nehmen wir vor allem beim Bürgertelefon wahr. Und die häufigste Frage ist: „Wann ist das alles vorbei?“ Die Ängste und Verunsicherungen sind aber normal, in Anbetracht der Umstände. Besonders ist das aber bei Über-80-Jährigen, die keinen Impftermin bekommen, zu merken. Es rufen manchmal auch die Kinder und Enkelkinder für sie an. Bei ihnen ist vor allem die Angst, dass sie ihre Eltern bzw. Großeltern anstecken könnten, am größten. Und dadurch kommt bei ihnen die Frage auf, wann sich wieder gefahrlos getroffen werden kann.
Sind andere Krankheiten, sowohl physisch als auch psychisch, in den Vordergrund gerückt? Schließlich haben der Lockdown und die Pandemie generell einen starken Einfluss auf den Alltag.
Rösel: Keine Krankheit ist jetzt gar nicht mehr oder weniger vorhanden. Aber wo die Leute sonst mit einem leichten Schnupfen zur Arbeit gegangen sind, rufen sie jetzt vorher beim Arzt an und fragen, was sie machen sollen. Wir stehen mit den Ärzten im ständigen Austausch, und es kommen auch immer wieder neue Fragen, die beantwortet werden wollen. Wegen neuer Virusvarianten, neuer Symptome, die vorher so noch nicht aufgetreten sind, oder anderer Krankheitsverläufe. Deswegen besprechen wir uns mit den Ärzten, wie ein Fall individuell behandelt werden kann.
Es heißt, die Grippewelle sei im vergangenen Jahr durch die Hygienemaßnahmen verkürzt und weniger stark ausgeprägt gewesen. Wird und ist es für diese Saison auch zutreffend?
Rösel: Das ist ja ganz logisch, dass andere Erkältungskrankheiten und Viren weniger Chancen haben. Die Maßnahmen schützen natürlich auch vor anderen Krankheiten. Ich denke auch, dass die Leute in den nächsten Wintermonaten, wenn Corona vorbei ist, trotzdem Masken tragen werden, weil es vor Grippe und Co. schützt.
Kwiatkowski: Und weil man sein Gegenüber nicht so einschätzen kann, was derjenige vielleicht hat. Nach dem Ganzen muss sich erst einmal daran gewöhnt werden, anderen Menschen wieder so nahe zu kommen. Aber irgendwann wird sich das auch wieder geben.
Rösel: Die Gefahr ist ja bei kleinen Lockerungen der Regeln, dass alle sagen: „So und jetzt!“ Dass alle wieder zusammenstürmen, sich treffen und die Zahlen dann wieder immens ansteigen. Das sind die Fälle, die dazu beitragen, dass das Virus weiter verbreitet wird.
Sind mehr depressive Erkrankungen verzeichnet worden?
Rösel: Die langfristigen Folgen werden erst später richtig auswertbar. Aber zum Beispiel ist zu bemerken, dass durch den Lockdown und die geschlossenen Hilfseinrichtungen weniger häusliche Gewalt gemeldet wird. Sonst würde das zum Beispiel dem Kindergärtner oder dem Lehrer auffallen, die das dann melden. Das geht jetzt ja nicht.
Kwiatkowski: Es melden sich viele, wie bereits erklärt, weil sie Ängste durch die Pandemie haben. Angst davor, wie es weitergeht, was noch kommt. Das ist aber normal und deswegen noch keiner gleich psychisch krank oder depressiv.
Rösel: Manche wünschen sich, morgens aufzuwachen, und alles ist vorbei.
Wünschen Sie sich das?
Rösel: Ja. Es ist echt ein Albtraum. Und die Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und fehlende Bildung werden sich erst mit der Zeit zeigen.
Was raten Sie den Bürgern, wie diese Zeit am besten überstanden werden kann?
Kwiatkowski: Es sollte den Kindern die Situation auf jeden Fall kindgerecht erklärt werden, dass auch sie verstehen, was gerade passiert. Da sich der Tagesablauf auch für sie stark verändert. Es sollte weiter Kontakt mit den Kindergärten gehalten werden. Die Mitarbeiter können Tipps für die Beschäftigung der Kleinen geben.
Rösel: Es ist ganz wichtig, durch Telefonate oder Videoanrufe den Kontakt mit Familie, Freunden und Bekannten zu halten. Man kann sich auf Urlaub, Treffen und Feiern nicht freuen. Deshalb sollte man sich Fixpunkte suchen, auf die man sich freuen kann. Zum Beispiel ein Telefonat, einen Spaziergang, auf solche Sachen. Natürlich ersetzt das keinen Urlaub oder ein Treffen. Aber man sollte sich bewusst machen, dass es noch schöne Dinge gibt.
Kwiatkowski: Und Tagesstrukturen schaffen. Das gibt Sicherheit. Also trotzdem pünktlich aufstehen und Gewohnheiten beibehalten. Wenn ich immer um 9 Uhr frühstücke, dann frühstücke ich auch weiterhin um neun. Außerdem sollte sich an der frischen Luft bewegt werden, das ist ganz wichtig. Und das man aktiv bleibt und sich nicht nur zu Hause zurückzieht. Das tut dem Körper und der Seele nicht gut, die Bewegung aber schon.
Ein Lichtblick bei all dem Schlechten?
Rösel: Kreisweit gibt es Organisationen, die sich gegründet haben, und freiwillige Helfer, die den Leuten in der Quarantäne helfen, zum Beispiel beim Einkaufen. Nicht jeder hat eine Familie oder Bekannte, die in der Nähe wohnen und mal eben helfen können. Jeder hält ja auch die Quarantäne anders durch, für den einen ist es einfacher, für den anderen schwerer. Da ist es schön, dass es Menschen gibt, die helfen. Das zeigt die Solidarität untereinander. 

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