Rentenversicherung will einem Beinamputierten die Bezüge kürzen – er soll wieder arbeiten gehen

„Das ist pure Willkür“

+
Vor acht Jahren wurde einem Altmärker bei einem Arbeitsunfall das Bein abgerissen. Die Wunde ist noch nicht verheilt, doch die Versicherung will ihm die Bezüge kürzen.

Salzwedel. Ein Altmärker, der 2004 bei einem Arbeitsunfall sein linkes Bein verloren hat, soll nun mit 400 Euro monatlich weniger auskommen – und wieder arbeiten gehen.

Das zumindest meint die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland, die den 58-Jährigen nun von „erwerbsunfähig“ in „teilweise erwerbsunfähig“ zurückstufen will.

Was ist geschehen? Ist sein Bein plötzlich nachgewachsen? Mitnichten. Dem Mann geht es nicht gut. Ein medizinisches Gutachten bescheinigt ihm wiederkehrende Reizerscheinungen am Stumpf-Ende, Wirbelsäulenbeschwerden durch die durch die Amputation entstandene Fehlstatik seines Körpers, beginnende Arthrosen im Bereich der Hüftgelenke und der rechten Kniescheibe, Schwindel bei niedrigem Blutdruck und Sodbrennen. Abschließend kommt die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland aber zu dem Schluss: „Ihre Leistungsfähigkeit ist nicht durch eine Summierung ungewöhnlicher Leistungseinschränkungen oder eine schwere spezifische Leistungsbehinderung beeinträchtigt.“

„Nein, überhaupt nicht“, ist der Altmärker über so viel Zynismus entsetzt. „Mir fehlt lediglich ein Bein.“ Holger Lorenz, der Vorsitzende des Allgemeinen Behindertenverbandes in Salzwedel, findet deutliche Worte: „Das ist pure Willkür.“ Dass der 58-Jährige nun „leichte körperliche Arbeiten sechs Stunden und mehr täglich“ verrichten soll, sieht der Interessenvertreter der Behinderten als unzumutbar an. Zumal für ihn extra ein Arbeitsplatz geschaffen werden müsste.

Auch der Altmärker selbst, der gerne sein Bein zurück hätte und dann lieber voll arbeiten würde, glaubt nicht, dass er als Bürohelfer, Kleinteilesortierer, Telefonist oder Pförtner eine Hilfe wäre. „Der Stumpf suppt immer noch, der Schaft der Prothese schneidet ins Fleisch, muss ab und an geändert werden, da sich auch der Stumpf verändert. Ich kann mein künstliches Bein keine sechs Stunden lang tragen“, macht er seine Misere deutlich.

Er wird den Tag nie vergessen – damals war der Maurer 50 Jahre alt: „Am 30. April 2004 um 6.15 Uhr habe ich mein Bein verloren.“ Vom 1. Oktober 2004 bis zum 30. Juni 2009 wurde ihm eine Rente wegen Erwerbsminderung gezahlt. Dann unternahm die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland den ersten Vorstoß, dem Altmärker nur noch eine „teilweise Erwerbsminderung“ auszuzahlen.

Der Betroffene zog mithilfe des Allgemeinen Behindertenverbandes vor das Sozialgericht Magdeburg. Dort wurde festgestellt: „Das Gericht weist ... darauf hin, dass es nicht nachvollziehbar ist, warum der Kläger in der Zeit vom 1. Oktober 2006 bis zum 30. April 2008 ausschließlich einen Anspruch auf Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung bei Berufsunfähigkeit gehabt haben soll. ... Nicht nachvollziehbar ist insbesondere, warum sodann seit dem 1. Mai 2008 wiederum volle Erwerbsminderung vorgelegen hat.“

Schon damals blickte selbst die 42. Kammer des Magdeburger Sozialgerichts durch das seltsame Gebahren der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland nicht durch. Der Rechtsstreit endete mit einem Vergleich. So musste sich die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland verpflichten, dem Altmärker die Rente wegen „voller Erwerbsminderung“ zu bezahlen – „bis voraussichtlich 30. Mai 2012“.

Kurz vor Ablauf dieser Frist standen die mitteldeutschen Versicherer bei dem beinamputierten Altmärker wieder auf der Matte, wollen wieder nur die „teilweise Erwerbsminderung“ an ihn bezahlen. „Das sind für mich jeden Monat 400 Euro weniger“, macht der 58-Jährige die Härte dieses Ansinnens deutlich. „Das sind 37 000 Euro, die die Deutsche Versicherung Mitteldeutschlands spart, bis der Mann mit seinem einen Bein in die volle Rente gehen kann“, macht Behindertenchef Holger Lorenz deutlich.

Der Verband steht wiederum hinter dem Altmärker, vertritt ihn auch vor Gericht. Denn dorthin will der 58-Jährige wieder. Sein Widerspruch gegen das Herabsetzen seiner Bezüge wurde rundweg abgelehnt. Mit zum Teil für den Betroffenen und den Behindertenvertreter nicht nachvollziehbaren Begründungen. Wie zum Beispiel: „Eine weitere medizinische Sachaufklärung ist nicht erforderlich.“ Die Ablehnung des Widerspruchs gipfelt in dem letzten Satz: „Somit ist der angefochtene Beischeid rechtlich nicht zu beanstanden.“

Für Behindertenvertreter Holger Lorenz schwingt sich die Rentenversicherung Mitteldeutschland damit zum Richter auf. Für ihn ist das pure Angstmache, damit sich die Betroffenen nicht trauen weiterzugehen. Eine Praxis, die Lorenz in seiner 22-jährigen, ehrenamtlichen Tätigkeit nicht zum ersten Mal untergekommen ist.

Der beinamputierte Altmärker nimmt das nicht hin. Er zieht mit dem Behindertenverband im Rücken und einem Anwalt an seiner Seite erneut gegen die Rentenversicherung vor Gericht.

Von Holger Benecke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare