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Mahnmal erinnert nun an Zwangsumsiedlung wegen DDR-Grenzanlagen

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Von: Christian Reuter

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Zahlreiche Besucher, darunter Zeitzeugen, waren am Himmelfahrtstag zur Wüstung Jahrsau bei Jeebel gekommen, um die Einweihung der Stele zum Gedenken an die Opfer der Zwangsumsiedlung zu sehen. Dieter Leupold (v.l.) und Michael Ziche hielten kurze Ansprachen. © Reuter, Christian

Anlässlich des 70. Jahrestages der sogenannten „Aktion Ungeziefer“ wurde am Himmelfahrtstag auf dem Gelände der Wüstung Jahrsau ein Mahnmal, das an den geschleiften Ort und seine Menschen erinnern soll, eingeweiht.

Jahrsau – Am 26. Mai jährte sich zum 70. Mal der verhängnisvolle Beschluss des DDR-Ministerrates, „verdächtige“ oder als politisch unzuverlässig geltende Personen aus den Dörfern in unmittelbarer Nähe zur innerdeut-schen Grenze auszuweisen.

„1975 hätte das kleine Dorf Jahrsau sein 600-jähriges Ortsjubiläum feiern können, mit Musik und guter Stimmung, doch dazu kam es nicht mehr. Denn die Menschen waren schon gut zwei Jahrzehnte vorher verschwunden. Längst hat die Natur diesen alten Siedlungsplatz erobert“, sagte Landrat Michael Ziche.

Auf einer Informationstafel kann der Besucher heute noch mehr über das Schicksal des Ortes und seiner Bewohner erfahren. Auf Grundlage der „Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen“ vom 26. Mai 1952 wurden an der deutsch-deutschen Grenze eine fünf Kilometer breite Sperrzone und ein zehn Kilometer breiter Kontrollstreifen eingerichtet.

Unter dem Decknamen „Aktion Ungeziefer“ fanden an der Grenze Zwangsumsiedlungen statt. Das SED-Regime „schleifte“ Jahrsau seit 1952 systematisch, weil der Ort in die 500-Meter-Sperrzone fiel. Das Dorf sollte von politisch unzuverlässigen Personen „bereinigt“ werden, um ein „freies Schussfeld an der Staatsgrenze West, nordöstlich von Salzwedel zu garantieren“ und den unerlaubten Grenzverkehr zu unterbinden.

Familien wurden nach Delitzsch verschleppt

Im Jahr 1946 zählte Jahrsau 39 Einwohner, darunter waren vier Bauernfamilien sowie Vertriebene aus Schlesien und Ostpreußen. Am Morgen des 6. Juni 1952 starteten die Zwangsumsiedlungen in Jahrsau.

„Mehrere Familien wurden nach Delitzsch verschleppt. Erst nach der Wende konnten sie wieder zu ihrem ehemaligen Wohnort zurückkehren, sie fanden aber nur noch Fundamente vor“, erinnerte der Landrat. Mit dem Mahnmal wolle der Altmarkkreis Salzwedel der Opfer der Zwangsumsiedlung gedenken und „einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten“.

Zu den Opfern der Zwangsumsiedlung gehörte auch Friedel Schäfer, die 1966 als 22-Jährige das Dorf „freiwillig, aber unter bestimmten Bedingungen“ verlassen hat, wie sie am Donnerstag vor Ort berichtete. „Für meinen Opa war es damals besonders schwer gewesen. Ich selbst habe kaum noch Erinnerungen an diese Zeit“, sagte die 78-Jährige.

Dieter Leupold vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) erklärte, aus dem ehemaligen Todesstreifen sei mit dem Grünen Band eine Lebenslinie geworden: „Jahrsau hat eine Ambivalenz: ein Ort, der zerstört wurde und den die Natur zurückerobert.“

Das Mahnmal wurde von der Firma Metallbau Nieder in Kusey nach Entwürfen des Altmarkkreises Salzwedel entworfen.

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