Corona: Das Amt hat Feierabend

Bruder infiziert, Mutter gestorben, Vater pflegebedürftig: Angehörige alleingelassen

Baldur Berg hat seine Mutter durch die Pandemie verloren.
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Baldur Berg hat seine Mutter durch die Pandemie verloren. Sein Bruder musste ebenfalls auf die Corona-Station. Auf Hilfe vom Gesundheitsamt des Altmarkkreises wartete er vergeblich. Nun braucht er sie nicht mehr.
  • Holger Benecke
    vonHolger Benecke
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„Du fühlst dich verraten und verkauft!“ Orthopädiemechanikermeister Baldur Berg jun. hat durch seine Sanitätshäuser schon von Anfang an mit der Pandemie zu tun. Dann erwischte es die Familie selbst. Seine Mutter ist durch die Pandemie gestorben. Von Unterstützung durch das Gesundheitsamt des Altmarkkreises keine Spur. Im Gegenteil: Baldur Berg ist entsetzt über die Arbeitsweise der Behörde.

Salzwedel - Doch der Reihe nach: Sein Bruder Karsten, der als Lkw-Fahrer arbeitet und bei den Eltern wohnt, brachte den Virus an einem Wochenende mit nach Hause. Der Vater, Baldur Berg sen. (84), ist seit Anfang des Jahres ein Pflegefall. Die Mutter, Erika (79), war zu diesem Zeitpunkt noch topfit, hatte gerade noch den Garten umgegraben.

„Haltet mal lieber Abstand“

Als ihr Sohn Karsten am 27. März abends von seiner Tour nach Hause kam, rief die Mutter ihren Ältesten an: „Karsten ist krank, der geht Montag erst mal zum Arzt.“ Baldur Berg schwante nichts Gutes: „Wenn das mal nicht Corona ist?“, mutmaßte er. Und riet: „Haltet mal lieber Abstand.“ Doch es war vermutlich schon zu spät, stellt er im Nachhinein fest.

Der Arztbesuch offenbarte einen positiven PCR-Test. Für Karsten Berg und seine Eltern bedeutete das: Quarantäne. Das Gesundheitsamt des Altmarkkreises habe mit seinem Bruder telefoniert, berichtet Baldur Berg, aber weder die Wohnsituation analysiert, noch mit den Eltern gesprochen.

Mit Rettungswagen auf die Corona-Station

Zu Ostern ging es dann auch seiner Mutter schlecht, erfuhr Baldur Berg erst viel später. Am 7. April hat er seinen Vater zu dessen 84. Geburtstag angerufen, um zu gratulieren und sich nach seinem Bruder zu erkundigen. „Wie die alten Leute so sind: Mein Vater hat mir nicht gesagt, dass Mutter nicht auf dem Damm ist.“

Am nächsten Tag ist er dann persönlich vorbeigefahren und bemerkte den Zustand seiner Mutter. Sie beichtete ihm, dass sie sich schon seit rund einer Woche schlapp fühle, huste und schlecht Luft bekomme.

Baldur Berg rief beim Gesundheitsamt am. Er soll den Hausarzt informieren, sei ihm geraten worden. Was der denn machen solle?, fragte Berg nach. Er könne auch den Patientenservice nutzen und den ärztlichen Notdienst unter der Telefonnummer 116 117 anrufen, bekam Baldur Berg einen weiteren, für ihn nicht sehr sinnvollen Tipp. Er rief stattdessen den Rettungsdienst. Der kam auch. Die Sanitäter legten Schutzkleidung an und stellten kurze Zeit später fest, dass sie einen weiteren Rettungswagen rufen müssen, um beide – Sohn Karsten und Mutter Erika – auf die Corona-Station nach Gardelegen zu bringen.

„Ihre Mutter wird es nicht schaffen“

Dort bekamen beide Sauerstoff. Gegen 17 Uhr erfuhr Baldur Berg von seinem Bruder telefonisch, dass die Mutter inzwischen wegen Kreislaufstillstand auf die Intensivstation verlegt worden war. Erst gegen 20.30 Uhr konnte Baldur Berg die Ärztin erreichen. Die hatte so lange gekämpft, um seine Mutter zu stabilisieren. Die Diagnose: Herzinfarkt und Lungenentzündung. „Mitte vergangener Woche kam dann noch Nierenversagen hinzu“, schrillten bei Baldur Berg bereits die Alarmglocken. Sonntagnachmittag dann der Anruf aus Gardelegen: „Ihre Mutter wird es nicht schaffen“, traf es den Sohn wie ein Hammerschlag. Am nächsten Vormittag schloss Erika Berg für immer ihre Augen.

Baldur Berg informierte das Gesundheitsamt über den Verlauf. Dabei hatte er ein merkwürdiges Gefühl und fragte nach: „Schreiben Sie sich das eigentlich auf?“ Die Antwort „Nö“ löste bei ihm Fassungslosigkeit aus.

Infektiös nach Hause geschickt

Doch noch tobte der Virus in der Familie. Bruder Karsten war in der vergangenen Woche im Gardelegener Altmark-Klinikum mitgeteilt worden, dass er Ende der Woche wohl nach Hause in die Quarantäne entlassen werde. „Du kannst doch nicht nach Hause kommen, wenn du infektiös bist. Da darf dann keiner mehr rein und raus. Vater hat aber Arzttermine“, beratschlagte sich Baldur Berg mit seinem Bruder. Zudem ist der Vater pflegebedürftig. Er könne in Schutzkleidung rein und dem noch nicht infizierten Vater helfen, solle aber nur die absolut nötigste Zeit dort bleiben, wurde Baldur Berg mit auf den Weg gegeben.

„Da können wir Ihnen nicht helfen“

Erneut rief er beim zuständigen Gesundheitsamt des Kreises an, schilderte die Lage und machte deutlich, dass sein infektiöser Bruder gar nicht nach Hause könne. Mit der Antwort kam für den Salzwedeler der nächste Tiefschlag: „Da können wir Ihnen nicht helfen.“

Vergangenen Donnerstag wurde Karsten Berg aus dem Gardelegener Krankenhaus nach einem positiven PCR-Test entlassen. Sein Bruder hatte inzwischen auf die Schnelle eine Wohnung besorgt und diese mit dem Notwendigsten ausgestattet. Karsten Bergs Quarantäne begann am 31. März. Der amtliche, sogenannte Absonderungsbescheid wurde am 6. April geschrieben und lag am 10. April im Postkasten, rekapituliert Baldur Berg.

„Wenn Feierabend ist, ist Feierabend“

„Da war Karstens Quarantäne schon zu Ende“, versteht Baldur Berg die Arbeit des Gesundheitsamtes nicht mehr. „Die machen da auch in Pandemie-Zeiten offenbar Dienst nach Vorschrift: Wenn Mittagspause ist, ist Mittagspause, und wenn Feierabend ist, ist Feierabend“, ist er entsetzt. Nur: Corona macht weder Mittagspause noch Feierabend. „Die lassen dich vollkommen alleine“, ist der Orthopädiemechanikermeister erschrocken.

Anruf am Ende der Quarantäne

Auch die Quarantäne des Vaters war am 12. April zu Ende. „An diesem Tag bekam er den ersten und einzigen Anruf vom Gesundheitsamt. Aber auch nur, weil ich mich beschwert hatte, dass sie nichts tun“, ist Baldur Berg die laxe Arbeit des Amtes für die hilflosen Pandemie-Patienten leid.

Freitag wurde Karsten Berg mitgeteilt, dass seine Corona-Werte nicht mehr anstecken seien. Doch wirklich gut ging es ihm nicht, berichtet der Bruder. Montag steckte seine Hausärztin Karsten Berg erneut in Quarantäne. Wer positiv ist, gehört in Quarantäne, egal, mit welchen Werten, und das Gesundheitsamt entscheidet. Und mit diesem wollte die Medizinerin noch einmal Rücksprache halten. Doch es war Freitagabend – keiner da.

Für Baldur Berg erhob sich die bange Frage: Hast du dich jetzt auch noch angesteckt? „Mindestens zehn Versuche. Beim Gesundheitsamt war niemand zu erreichen.“ In seiner Not rief Baldur Berg im Gardelegener Altmark-Klinikum an. Dort wurde er beruhigt: Mit den Werten, die sein Bruder habe, könne er sich nicht anstecken, hieß es, berichtete Berg. Einen Tag später gab es dann Entwarnung.

Die Betroffenen selbst wurden nicht informiert

„Wir als Angehörige werden völlig verunsichert, wissen nicht, was wir machen sollen“, klagte Baldur Berg in seiner Hausarztpraxis sein Leid. Doch dort ist sein Fall kein Einzelfall: „Da sind Sie nicht der Einzige.“ Dienstagfrüh informierte das Gesundheitsamt die Hausarztpraxis der Bergs, dass vom Sohn Karsten keine Gefahr mehr ausgehe. „Meinen Bruder haben sie nicht angerufen“, schüttelt er den Kopf.

Er selbst musste vor einiger Zeit auch in Quarantäne, weil er in seinem Beruf Kontakt mit einer infizierten Patientin hatte, erinnert sich Baldur Berg, dass er während dieser Zeit überhaupt nichts vom Gesundheitsamt gehört hat.

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