Die Bürgermeisterin antwortet nicht

Salzwedel: Niederländer geschockt vom Kriegerdenkmal und dem Umgang mit Geschichte

Der Niederländer Gerard Raven (kl. Bild) ist geschockt vom beschmierten Salzwedeler Kriegerdenkmal im Burggarten. Die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Hansestädter sind kaum noch zu lesen.
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Der Niederländer Gerard Raven (kl. Bild) ist geschockt vom beschmierten Salzwedeler Kriegerdenkmal im Burggarten. Die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Hansestädter sind kaum noch zu lesen.

Salzwedel – Die Salzwedeler tun sich schwer mit der Kultur des Erinnerns. Das fällt selbst Besuchern aus dem Ausland auf.

Gerard Raven aus dem niederländischen Amersfoort weilte mit seiner Frau zum Jahreswechsel in der alten Hansestadt und war geschockt, als er während eines Spaziergangs am 2. Januar vor dem beschmierten Kriegerdenkmal im Burggarten stand.

Der Brief, den Gerard Raven am 9. Januar an Salzwedels Bürgermeisterin geschrieben hat, blieb – trotz zweimaligen Nachfragens – bis heute unbeantwortet.

Wieder zu Hause, schrieb er gleich am 9. Januar einen Brief an Salzwedels Bürgermeisterin Sabine Blümel, in dem er vorschlug, das Bauwerk zum 75. Jahr des Kriegsendes am 8. Mai herzurichten. „Sie werden wohl schätzen, dass das Gedenken und der Schulunterricht über Krieg und DDR von höchstem Belang ist. Leider hörten wir von Einwohnern, dass viele junge Deutsche nicht wirklich verstehen, was wirklich passiert ist – das erklärt die Graffiti. In den Niederlanden ist das im Schulunterricht Pflicht. Hier versteht man immer besser, dass auch so viele Deutsche schrecklich gelitten haben und heißt Deutsche willkommen, um zusammen zu gedenken“, schieb Gerard Raven an Salzwedels Bürgermeisterin. Er war vor seiner Pensionierung 27 Jahre lang Konservator des Stadtmuseums Flehite in Amersfoort. Dort gibt es die Gedenkstätte „Polizeiliches Durchgangslager Amersfoort“, in der alle niederländischen Widerstandskämpfer während des Zweiten Weltkriegs gesammelt wurden. Nur wenige überlebten.

Raven hofft noch

Gerard Raven

„Hoffentlich gibt es schon Pläne für das Salzwedeler Denkmal und ein Gedenken, und können Sie mich beruhigen“, schrieb der Niederländer am 9. Januar an Bürgermeisterin Sabine Blümel. Eine Antwort hat er bis heute nicht bekommen. Trotz zweimaligen Nachfragens. „Sie haben die maximale Beantwortungszeit für Regierungsbehörden meines Landes zweimal überschritten. Das ist noch schlimmer, wenn es das Kriegsgedenken betrifft. Mein Land hat sehr gelitten unter der deutschen Besatzung, aber Sie in der ehemaligen DDR haben noch länger die Folgen erfahren. Das brachte mich dazu, mich um Ihr Denkmal zu kümmern, ein Denkmal für deutsche Opfer“, schrieb der Vorsitzende des Kirchenrates aus Amersfoort in seiner zweiten Bitte um Antwort an Salzwedels Bürgermeisterin.

Gegenüber der AZ ärgerte sich Gerard Raven: „Es ist offenbar ganz schwierig, eine Sache in Ihrer Stadtverwaltung vorzulegen oder überhaupt Antwort zu bekommen.“

Der zum Kriegerdenkmal im Burggarten passende Grundsanierungszeitpunkt ist zudem bereits zweimal verpasst worden – 100 Jahre Beginn und Ende des Ersten Weltkriegs 2014 bzw. 2018. Andere Reparaturen und Sanierungen an dem Bauwerk sind Jahre her. Und immer wieder hieß es aus dem Rathaus: Die Stadt kümmert sich, kann aber noch keinen Zeitpunkt nennen. Und so dauerte es Jahre, bis die abgeschlagenen Köpfe der Figuren am Kriegerdenkmal ersetzt worden sind. Auch die Steinplatten mit den Namen der Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg sind durch mehrmaliges Sandstrahlen bei der Schierereibeseitigung kaum noch lesbar. Ein Nachmeißeln bzw. farbliches Auffüllen der eingehauenen Namen wäre notwendig.

Spiegel vorgehalten

Im Haushalt wird Jahr für Jahr Geld für die Denkmale, darunter auch das im Burggarten, eingestellt. Angekommen ist davon offenbar beim Kriegerdenkmal nicht viel. Doch das Bild, das das Bauwerk bzw. der Umgang damit auf Besucher der Stadt wirft, behalten die meisten für sich. Der Niederländer Gerard Raven hat nun der Stadt den Spiegel vorgehalten. Wie sich bestätigt hat, ist es nicht nur der Umgang mit dem Denkmal, sondern auch mit dem Menschen Gerard Raven.

VON HOLGER BENECKE

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