„Baumkuchen kennen alle“

Zwei Altmärker haben ihr Glück in Berlin gefunden

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Beatrix und Mathias Reuter fühlen sich durch Kindheits-Erinnerungen mit der Altmark verbunden. Ihr berufliches Glück haben sie über Umwege in der Bundeshauptstadt gefunden. Fotos (2): Leue

Altmark / Berlin – Was wäre Berlin ohne seine Zugereisten aus der Provinz? Es hätte zum Beispiel keine Böse Buben Bar, benannt nach einer Songzeile des Musikers Reinhard Lakomy und betrieben von gebürtigen Altmärkern. Die befindet sich an der Marienstraße.

Drin tobt das Berliner Feierabendleben: Meistens reichlich gut gelaunte Leute, ein anschwellender Geräuschpegel, eine proppevolle Raucherlounge und ein stetiger Fluss an Kaltgetränken vom Tresen zu den Gästen. Diese Atmosphäre beschreibt die Chefin Beatrix Reuter: „Politiker, Schauspieler, Journalisten, Professoren, Studenten und Möchtegernerfolgreiche Startupper“.

Sie selbst ist gelernte Krankenschwester. Ihr Mann Mathias Reuter ist gelernter Werkzeugmacher – jobbte aber auch mal als Hausmeister im Arendseer Heimatmuseum. Beide stammen aus der Altmark, wo sich das katholisch geprägte Paar in Salzwedel kennengelernt hatte. Über einen längeren Umweg kamen sie nach Berlin, wo sie die Böse Buben Bar nun seit 19 Jahren betreiben. Davor firmierte das Lokal unter dem Namen Marienstübel und wurde von einem guten Freund geführt, der ebenfalls aus der Altmark stammt: Stephan Schlage, der beste Freund von Mathias Reuter seit gemeinsamen Jugendjahren in Arendsee.

Über Prag geflohen

Irgendwann stiegen die Reuters mit ein, obwohl sie keinerlei Gastronomieerfahrungen besaßen. Bis dato hatten beide in Hannover gelebt, wohin es sie auf eine Weise verschlug, die für etliche Wendelebensläufe von Ostdeutschen typisch ist. Mathias Reuter war im Spätsommer 1989 über Prag in den Westen geflohen. Beatrix Reuter ging nach der Grenzöffnung nach Hannover, das beide als neuen Lebensmittelpunkt gewählt hatten, wo sie Arbeit fanden und vier Kinder aufzogen. Bis das Paar irgendwann merkte, dass Hannover zwar eine schöne Stadt sei, um Kinder groß zu ziehen, aber auch ein guter Ausgangspunkt für einen Neubeginn. So richtete sich ihr Blick auf Berlin und die Café-Bar in Mitte, die ab September 2000 als Böse Buben Bar die gastronomische Hauptstadtszene bereicherte.

LP als Inspiration

Ein Detail in der Bar.

Die Inspiration für den Namen lieferte eine alte Amiga-LP an einem nostalgischen Plattenabend. Im Lied „Heute bin ich allein“ singt der DDR-Songwriter Reinhard Lakomy forsch und feierwütig: „Abends geh’n wir alle in die Böse-Buben-Bar“. Beatrix Reuter, die mit Depeche Mode und Die Ärzte groß geworden ist, kannte Lakomy bis dahin nicht, fand aber die Songzeile sehr passend. So ausgelassen und vergnügt sollte die Atmosphäre in ihrer Kneipe auch werden.

Dem Namensgeber sprach es aus dem Herzen, weshalb er zur Eröffnung persönlich erschien. „Reinhard Lakomy gefiel es, dass wir in Berlin-Mitte eine solche Kneipe als Literaturcafé errichten wollten“, erzählt Mathias Reuter in einem Schreiben an die Altmark-Zeitung und räumt ein, dass es als solches gar nicht konzipiert war. „Wir hatten wenig Geld für die Einrichtung und da passte es, dass einer halt Bücherregale bauen konnte und auch eine kleine Bühne.“ Worauf seine Frau Monika Erhardt-Lakomy, die zusammen mit ihm das bekannte Kindermusical „Traumzauberbaum“ schuf, ergänzt: „Wir hatten aber von Anfang an die Vorstellung, hier Lesungen und kleine Konzerte durchzuführen.“ Dabei ist es geblieben. Was sich verändert hat, sind die Gäste. „Ab 2008, 2009 konnte man zugucken, wie sich die komplette Straße wandelte. Alles wurde saniert, viele Leute sind weggezogen. Plötzlich standen auch keine Arbeiter in Blaumannkluft mehr am Tresen. Wir sind dadurch ebenfalls ein ganz anderer Laden geworden.“

Spezielle Atmosphäre

Zu den Gästen gehören heute neben Angestellten des benachbarten Politikbetriebs auch Künstler, zum Beispiel der Intendant des Berliner Ensemble, der während des laufenden Cafébetriebs schon mal Castinggespräche führt. Auch die Lesungen und Konzerte locken ein bestimmtes Publikum.

Beatrix Reuter kann sich noch jedes Mal über diese spezielle Atmosphäre bei den Auftritten freuen. „Das ist es doch, was Berlin auch früher ausmachte. Diese Salonkonzerte und Lesungen wollen wir bewahren.“ Nur Reinhard Lakomy, der auch gelegentlich hier war, hat nie auf der Bühne gesungen. Dafür ließ er quasi postum die Puppen tanzen: Seine Ehefrau Monika Erhardt-Lakomy hatte nach „Lackys“ Tod 2013 Freunde und Weggefährten zur feuchtfröhlichen Trauerfeier in die Böse Buben Bar eingeladen – so wie es sich ihr Mann gewünscht hatte. Die besucht sie seitdem regelmäßig, mit dem Ehepaar Reuter ist sie gut befreundet.

Obwohl die Sachsen-Anhalt-Vertretung in Berlin gleich um die Ecke liegt, ist die Böse Buben Bar kein Sammelpunkt für Berliner mit altmärkischem oder sonst wie sachsen-anhaltischem Migrationshintergrund. Die Verknüpfung mit der Altmark ist für die Reuters vor allem bestimmt durch die persönlichen Erinnerungen an die Heimat. Sie habe sich dort als Kind sehr wohlgefühlt, sagt Beatrix Reuter, nur ändere sich eben das Leben im Laufe der Zeit. Sie sei immer offen gegenüber Neuem gewesen. „Ich gehe einfach dahin, wo ich etwas machen kann.“ Die Kinder arbeiten auch mit, die Bar ist ein sehr familiärer Ort. Überhaupt seien viele Freunde um sie herum. Die wissen zumeist auch, dass die Wirtsleute ebenfalls Zugereiste sind. Mit dem Begriff Altmark kann freilich nicht jeder etwas anfangen. „Den Salzwedeler Baumkuchen kennen aber alle. Leider können wir den nicht bieten.“

VON GUNNAR LEUE

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