Von Woche zu Woche

Wer ist „die Stadt“ überhaupt?

Eine Frau aus Berlin kommt extra mit dem Zug nach Salzwedel, um sich die rechten Schmierereien, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt haben, anzusehen. Ihr fällt auf, dass es viele neue, aber auch viele alte sind, die offenbar niemanden stören. Es sind nicht nur „NSA“-Sprühereien und SS-Runen, es sind auch andere, „ganz normale“ Schmierereien.

Genau zwei Tage lang hat die nächtliche Sprühaktion vom 3. Oktober Salzwedel gelähmt. Die evangelische Kirche schickte sich sogleich an, einen „Offenen Brief“ zu verfassen. Ein, zwei Leserbriefe gab es, fünf Tage später nicht mal eine eigene Erklärung vom Stadtrat – man schloss sich dem „Offenen Brief“ der Kirche an. Und nun? Der Alltag ist wieder eingekehrt. Sehen die Salzwedeler gar nicht mehr, wie diese Stadt aussieht, wie sie verkommt? Wollen sie das nicht sehen?

Wann tut die Stadt endlich etwas, hört man überall. Ja was soll sie denn tun? Wer ist „die Stadt“ überhaupt? Die Verwaltung? Der Stadtrat? Die Polizei? Die Stadtverwaltung kann ohne politischen Auftrag nicht tätig werden. Der Stadtrat schafft es nicht einmal, eine eigene Erklärung abzugeben, geschweige denn, sich zu einer spontanen Aktion aufzuraffen. Und die Polizei? Die notiert Anzeigen und tut sich schwer, die Täter zu ermitteln. Das ist bis heute, neun Tage nach der nächtlichen Nazi-Schmiererei, jedenfalls nicht passiert.

Einzig die Antifa hat es fertig gebracht, für den heutigen Sonnabend einen „Action-Day“ zu organisieren. Die antifaschistische Jugend geht gegen rechts und rechte Schmierereien auf die Straße. Es gibt aber auch nicht wenig linke Schmierereien. Auf diesem Auge ist die Antifa blind. Und nun? Was passiert jetzt? Die Verwaltung wird sich auf den politischen Auftrag vom Stadtrat berufen. Der Stadtrat wird sich wieder in die Haare kriegen, bis die Fetzen fliegen, und das Thema zerreden – wie seit Jahren. Und die Polizei wird nicht müde zu betonen, dass sie ermittelt, ermittelt, ermittelt. Die Stadt sind aber nicht die Verwaltung, der Stadtrat und die Polizei, sondern die Salzwedeler. Wäre es nicht eine Idee, an einem Sonnabendvormittag zum Subbotnik aufzurufen? Kennen wir doch alle noch aus DDR-Zeiten. Ausgerüstet mit geeigneten Mitteln, könnten die Hansestädter selbst ihre Stadt säubern. Im Anschluss spendiert die Stadt, also derjenige, der unsere Steuergelder verwaltet, vielleicht Erbsensuppe für alle. Und bestimmt gibt es Firmen, die Reinigungs- bzw. Streichutensilien sponsern. Und Freiwillige, die Kuchen für die Arbeitseinsätzler backen. Und vielleicht kommt dann auch das Fernsehen wieder, um über diese bunte Aktion zu berichten, damit Salzwedel nicht mehr „ins rechte Licht“ gerückt wird. Es muss nur jemanden, eine Gruppe oder eine Institution geben, die so etwas anschiebt und organisiert. Kann doch nicht so schwer sein!

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