Fünf Salzwedelerinnen berichten von häuslicher und sexueller Gewalt

Anonymer Brief: „Niemand weiß, was mir passiert“

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Sexuelle und häusliche Gewalt trifft auch Kinder. Ein Themenabend hat diese Gewalt, die auch in Salzwedel passiert, in den Fokus gerückt. In anonymen Briefen schilderten fünf Betroffene, was ihnen widerfahren ist und noch immer widerfährt.

Salzwedel. „Sehr geehrte Frau Liedloff, Sie kennen mich. Viele kennen mich. Aber niemand weiß, was mir passiert, wenn ich Zuhause bin und die Tür hinter mir schließe.“

Das was der kürzeste Brief, den die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Salzwedel, Marita Liedloff, am Themenabend zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen vorlas. Dieser Brief brauchte auch keine weiteren Ausführungen um deutlich zu machen, dass Gewalt genauso Frauen treffen kann, die mitten in der Gesellschaft stehen und denen man nicht anmerkt, dass sie Opfer von Gewalt sind. Um solchen Frauen eine Stimme zu geben, hatte Marita Liedloff in der Kampagne „Schreib mir einen Brief“ den Aufruf gestartet, in anonymen Briefen eigene Erfahrungen aufzuschreiben.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Salzwedel, Marita Liedloff, las Briefe von Salzwedeler Frauen vor, die Opfer von Gewalt waren oder sind.

Gewalt fängt laut Liedloff oft schon viel früher an, als es die Betroffenen bemerken oder wahrhaben wollen. Die Resonanz auf ihren Aufruf war mit fünf Briefen nicht sehr groß, und am Dienstagabend fanden auch nur zwei Handvoll Gäste den Weg zum Veranstaltungsort, die Bibliothek. Das ist für die Gleichstellungsbeauftragte aber kein Zeichen dafür, dass es in der Westaltmark keine Gewalt gegen Frauen gibt. Zwei Briefe berichten von Vergewaltigungen durch den Freund der Schwester oder den besten Freund des Vaters. In beiden Fällen sind die Opfer minderjährig, erst zwölf bzw. 16 Jahre alt. Beide berichten von Schmerzen und Angst, beide Opfer haben die Täter nicht angezeigt, weil ihnen mit weiterer Gewalt gedroht wurde. Bundesweit werden nur etwa acht Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt. Liedloff las Gründe dafür aus einer vorjährigen Kampagne „Ich habe nicht angezeigt, weil ...“ vor. Es war die Angst vor dem Täter, davor, dass er seine Drohungen wahr macht.

Manchmal sind die Betroffenen zu jung um zu verstehen, was passiert ist. Sie befürchteten, dass ihnen niemand glaubt. Sie wollen keinen zusätzlichen Stress, wollen nicht wahrhaben, was passiert ist, oder sie wollen ihre Familie nicht belasten. Die drei weiteren Briefe handeln von häuslicher Gewalt. Die Frauen, die sie geschrieben haben, berichten davon, dass sie von ihrem Partner regelmäßig getreten, geschlagen, angeschrien und gedemütigt werden, ohne die Gründe dafür zu kennen. Eine Autorin schrieb in ihrem Brief, dass sie keine Anzeige erstattet hat, weil sie sich fragt, ob es für den Täter überhaupt Konsequenzen gibt. Dies zeigt, dass viele Frauen nicht wissen, dass häusliche Gewalt ein Straftatbestand ist. Klar gestellt wurde zudem, dass ein Opfer sexueller oder häuslicher Gewalt nicht selbst Schuld ist. In Salzwedel gibt es ein soziales Netz an Hilfe für Frauen und Kinder, an das man sich jederzeit wenden kann.

Von Birte Grote

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