Tierquäler-Prozess: Verfahren gegen Familie aus Henningen eingestellt / „Die Presse mobbt uns“

Angeklagte zieht alle Register

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„Unseren Hunden ging es gut“, so die Angeklagte.

Salzwedel. Das Verfahren gegen eine 62-jährige Frau aus Henningen und ihre 41 Jahre alte Tochter wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz wurde gestern vor dem Salzwedeler Amtsgericht eingestellt.

Ihnen wurde vorgeworfen, ihre insgesamt 79 Hunde nicht artgerecht gehalten zu haben. So sollen die Vierbeiner laut Anklageschrift kein Wasser, verschimmeltes Futter und mangelnde medizinische Versorgung bekommen haben. Da am ersten Verhandlungstag (AZ berichtete) wichtige Zeugen nicht am Verfahren teilnahmen, musste ein zweiter Termin für Aufklärung sorgen.

Aus dem Gericht

Doch bevor die erste Zeugin gehört werden konnte, rechtfertigte sich die 60-Jährige minutenlang gegen die Vorwürfe: „Ich gebe zu, dass ich viele Hunde hatte, aber allen ging es gut, ich habe mich immer gekümmert.“ Sie fühle sich ungerecht behandelt, machte die Frau klar. Mitverantwortlich für ihre derzeitige Situation seien die Zeitungen: „Die Presse mobbt uns, die schreiben Unwahrheiten“, sagte die Henningerin.

„Kläglicher Zustand“

Dann bekam die erste Zeugin, eine Tierärztin, die einen Teil der Hunde über Wochen behandelte, zu Wort. Doch diese zeichnete kein gutes Bild von den Zuständen auf dem Henninger Hof. „Einige Welpen waren in einem kläglichen Zustand. Sie hatten seltene Viruserkrankungen, die meist tödlich enden.“ Einige Welpen rochen zu dem „übel“, so die Frau weiter. Welcher Hund der Viruserreger war, konnte nicht bestimmt werden, da es einfach zu viele waren, erklärte sie.

Das nahm die 62-Jährige zum Anlass, gegen die Zeugin vorzugehen: „Herr Richter, ich fordere eine Praxisdurchsuchung der Frau. Außerdem erstatte ich Anzeige wegen Falschaussage.“ Ursache hierfür war: Die Angeklagte hatte die Ärztin als „Wunschzeugin“ in der Hoffnung vorladen lassen, dass diese sie entlastet – genau das Gegenteil war der Fall. Beide Anfragen wurden von Richter und Amtsgerichtsdirektor Dr. Klaus Hüttermann wortlos zur Kenntnis genommen.

„Es geht nicht um Grundsätze, es geht um Sie!“

Eine zweite Tierärztin, die bei der damaligen Kontrolle in Henningen vor Ort war, sagte vor Gericht: „Einige Hunde waren okay, andere hatten starken Durchfall und Würmer.“ Auch heute noch lasse der Zustand des Hofes „zu wünschen übrig“, ergänzte sie. Das war abermals Grund genug für die Henningerin, eine Grundsatzdebatte über Tierhaltung loszubrechen. Doch dann wurde es der Staatsanwältin zu bunt und sie sprach ein Machtwort: „Es geht nicht um Grundsätze, es geht um Sie!“ Die Diskussion war damit beendet.

Eine 57-jährige Rentnerin, die für eine Zeit auf dem Hof in Henningen lebte und selbst zwölf Hunde mitbrachte, empfand das Gelände als „ordentlich und sauber“. Ihrer Auffassung nach wurden alle Zwinger täglich gesäubert, kein Hund wurde geschlagen, alle Vierbeiner wurden vom Arzt behandelt. Auch die Söhne der Angeklagten sprachen von ausreichendem Futter und meinten, dass die Veterinärmediziner bei ihrer Kontrolle „ein Chaos hinterlassen“ hätten.

„Ungünstig fotografiert“

Auf die Frage, warum die bei der Kontrolle gemachten Fotos genau das Gegenteil aussagen würden, sagte einer der Söhne: „Das wurde ungünstig fotografiert. Außerdem ist die Presse an allem Schuld. Die schreiben nur Schwachsinn.“ Letztlich wurde das Verfahren eingestellt. Vorsitzender Hüttermann sagte zur Begründung: „Es gibt widersprüchliche Zeugenaussagen und es lässt sich nicht eindeutig klären, welcher Hund wann und in welchem Zustand war.“ Die Angeklagten müssten sich in Zukunft auf weitere Kontrollen einstellen, so Hüttermann abschließend.

Von Steffen Koller

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