Von Woche zu Woche

Wer anders denkt, denkt falsch?

Da haben wir sie wieder, die FDJ. Die Freie Deutsche Jugend, die staatlich gelenkte Jugendorganisation der DDR.

Ulrike Meineke

Wie früher mit dem Gruß „Freundschaft“ begrüßte Julian Sandorf vom Zentralrat der FDJ in dieser Woche seine Mitstreiter, die radelnden Umweltaktivisten aus ganz Deutschland, die in Gardelegen, Stendal und Arneburg gegen das Militär in der Colbitz-Letzlinger Heide, gegen Atomkraft, gegen die A 14, gegen Massentierhaltung und gegen ein Steinkohlekraftwerk protestiert haben.

Julian Sandorf ist Bayer, kommt aus Nürnberg. Er fühlt sich der FDJ verbunden, weil sie einst von Antifaschisten in Prag gegründet wurde. Was mag ihn dazu bewogen haben, unter dem Deckmantel FDJ einen staatlich verordneten Antifaschismus zu fordern? Nicht, dass das falsch verstanden wird – es geht nicht um das Thema Antifaschismus, sondern um das „staatlich verordnet“.

Gut, eine Gehirnwäsche für die ewig gestrigen Faschisten wäre gerade in diesen Zeiten, wo Asylbewerberheime angegriffen und angezündet werden, gar nicht verkehrt. Aber was Sandorf will, ist eine verordnete Gesinnung. In der DDR sollten wir an den Sozialismus, die SED glauben. Nichts mit freier Meinungsäußerung, nichts mit Demokratie. Sandorf hat es offenbar nicht so sehr mit der Freiheitskämpferin Rosa Luxemburg und ihrer 1918 propagierten „Freiheit ist auch immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Er reduziert sie wahrscheinlich auf ihre pazifistische Einstellung. Julian Sandorf ist überzeugt davon, dass Deutschland ein Staat ist, der Faschisten schützt und sogar organisiert. Das tut er kund unter dem Emblem der DDR-FDJ. Was will uns Sandorf damit sagen?

Es ist grundsätzlich nicht verkehrt, wenn Umweltaktivisten wie er während ihrer Radtour von Braunschweig in die Lausitz in der Altmark gegen Atomkraft tanzen. Meinetwegen können sie auch gegen den Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide singen und die A 14 verteufeln. Sie leben nicht hier.

Zwar unterstützen die Aktivisten mit ihrem Protest gegen Massentierhaltung wie in Stendal den Wunsch der meisten Altmärker, aber bei ihrem Heide- und A 14-Protest sicher nicht. Während sie durch die Gegend radeln, müssen andere zur Arbeit und wünschen sich sehnlichst, endlich über eine schnelle Autobahn fahren zu können. Natur allein macht eben nicht glücklich, wenn man eine Familie zu ernähren hat, nicht jeden Tag im Zelt schlafen und jeden Morgen duschen will.

Was wollen die Sandorfs & Co. eigentlich genau? Sie sind erstmal grundsätzlich gegen alles. Warum betonen sie, dass sie sich während ihrer Tour rein vegetarisch ernähren? Wir Fleischesser hängen uns doch auch kein Schild um. Jeder kann essen und denken, was er will. Die Umweltaktivisten nutzen doch auch ihr Recht auf freie Meinungsäußerung – warum wollen sie anderen eine Meinung verordnen? Weil ihre die einzig richtige ist?

Von Ulrike Meineke

Rubriklistenbild: © Freier Mitarbeiter

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