Selbstschussanlagen mit bis zu 110 Splittern und TNT-Sprengstoff zerfetzten mindestens zehn Menschen

„SM 70“ in der Altmark getestet

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Grenzland-Museumsführer Dietrich-Wilhelm Ritzmann (63) hat über Jahre hinweg hunderte Fotos vom innerdeutschen Grenzgeschehen gesammelt. Die meisten hat er selbst gemacht.

Altmark. Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es jetzt her, als Horst S. bei seiner Grenzflucht am Abend des 29. Dezember 1971 nahe Zießau am Arendsee auf einen bislang unbekannten Gegner stieß.

Der 28-Jährige sah die angsteinflößenden Metalltrichter, die ihn irgendwie an die Mündung des Gewehrs von Räuber Hotzenplotz erinnerten. Daran befestigt waren drei Drähte, die parallel zum zwei Meter hohen Sperrzaun verliefen.

Bis zu 110 Splitter

Dass der mittlere Draht der Auslöser für eine nagelneu installierte Selbstschussanlage vom Typ SM 70 war, auf diese Idee kam Horst S. erst, als es bereits zu spät war: 25 der insgesamt bis zu 110 Splitter des mit 100 Gramm TNT-Sprengstoff befeuerten Geschosses trafen S. entlang der rechten Körperhälfte, während kurz nach 19 Uhr beim vor Ort stationierten Grenzregiment 24 die Sirenen losheulten. Der schwer Angeschossene versuchte zwar noch zu flüchten, doch es gelang ihm nicht. Die Grenzer nahmen Horst S. fest.

Er kam ins Krankenhaus nach Seehausen und Magdeburg, überlebte und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt. Wie die „Welt“ berichtete, wurde S. das erste Opfer der Selbstschussanlage SM 70 überhaupt. In einer geheimen Verschlusssache wertete der zuständige Generalleutnant Erich Peter alle Fluchtversuche akribisch aus. In den Jahren nach 1971 wurden immer mehr Selbstschussanlagen entlang der Grenze installiert. Die Kosten beliefen sich auf 100 000 Mark je Kilometer.

Bis 1976 wurde etwa ein Drittel der 1378 Kilometer Todesstreifen mit SM 70 bestückt. Für viele Deutsche war der mit Grenzsoldaten, Beobachtungstürmen, Stacheldraht, Streckmetall-Zäunen, Gräben, Panzersperren, Minenfeldern, Selbstschussanlagen und Bewegungsmeldern stark gesicherte „eiserne Vorhang“ 28 Jahre lang unpassierbar.

Rückschau: Im Mai 1945 war der Krieg vorbei. Doch bereits seit Frühjahr 1946 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen der UdSSR und den Westalliierten. Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 im Westen unterbrach die Rote Armee die Eisenbahn- und Straßenverbindungen am 24. Juni. Es folgte die Berlin-Blockade bis zum 12. Mai 1949 und bereits im Herbst jenes Jahres wurde der Grenzkontrollpunkt Marienborn ausgebaut. Von da an bekamen auch die Altmärker langsam zu spüren, dass sie zur Hälfte von einer Grenze umgeben waren.

Im Mai 1952 wurde die „Zonengrenze“ auf Befehl der Sowjetarmee erstmals komplett abgeriegelt. Zugleich wurde der Geheimbefehl zur Zwangsaussiedlung „unzuverlässiger Personen“ aus dem Grenzgebiet erlassen. Dieser „Aktion Ungeziefer“ folgte 1961 die „Aktion Festigung“.

50 Jahre ist es jetzt her, da schloss sich mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 für 28 Jahre der „Eiserne Vorhang“. Seit diesem Tag hat es bis zum Fall der Mauer immer wieder spektakuläre Fluchten über die innerdeutsche Grenze gen Westen gegeben. Doch rund 30 000 Grenzsoldaten, 870 Kilometer Grenzzaun, 440 Kilometer Selbstschussanlagen vom Typ „SM-70“, 602 Kilometer Kfz-Sperrgräben sowie 230 Kilometer Minenfelder „Typ 66“ machten „gewöhnliche“ Fluchten nahezu aussichtslos. Doch viele der an einer Flucht interessierten DDR-Bürger waren einfallsreich: Als spektakulär gingen Fluchten im Heißluftballon, im Tunnel, mit der Planierraupe oder mit selbstgefertigten Steighilfen zum Überwinden des Streckmetallzaunes in die Geschichte ein.

Erster Test in der Altmark

1135 Menschen, darunter über 40 Kinder und Jugendliche, kamen bei der Flucht ums Leben. 27 Angehörige der Grenztruppen fanden den Tod, rund 200 ertranken bei der Flucht in der Ostsee. Die Selbstschussanlagen vom Typ SM 70 entlang der einstigen DDR-Grenze gehörten zu den grausamsten Tötungsmaschinen, die sich menschliche Gehirne je ausgedacht haben.

Die Altmark nimmt bei der Tragödie einen besonderen Stellenwert ein: Im Grenzbereich zwischen Salzwedel und Arendsee wurden die Selbstschussapparate erstmals vor ihrem Großeinsatz getestet. Auch der kleine Dährer Ortsteil Wiewohl ging in den 1970er-Jahren in die Geschichte ein: Hier demontierte der ehemalige DDR-Bürger Michael Gartenschläger erstmals eine komplette Selbstschussanlage und löste damit einen internationalen Eklat aus. Denn: Die DDR hatte stets bestritten, solche Anlagen zu haben.

„Im Bereich Salzwedel-Lüchow wurden die ersten Selbstschussanlagen getestet“, berichtet Dietrich-Wilhelm Ritzmann. Der Museumsführer des Grenzlandmuseums Göhr bei Schnega gilt als Experte auf dem Gebiet. Doch wie kamen die SM 70, die auch in den Varianten SM 501 und später SM 701 auftraten, an die Grenze? Hartnäckig halten sich Gerüchte, der SS-Mann Erich Lutter habe bereits 1942 erstmals die Idee gehabt, die „Zaunminen“, „Schützenminen“ oder „Splitterminen“, wie sie auch genannt wurden, zu installieren – damals allerdings an KZ-Gebäuden.

Minen an Schweinen getestet

Die SM 70 gingen 1968 in Serie, 35 000 ausrangierte Schützenminen älterer Bauart gingen an die Bruderarmee in Nordvietnam. 1966 wurden die ersten Apparate mit Hilfe des militärtechnischen Instituts „VUSTE“ in der Tschechoslowakei entwickelt. Zwischen Salzwedel und Arendsee mussten zunächst die Pioniere ran, das Gelände vorbereiten. „Danach wurde die Streuung der Selbstschussanlagen an Schweinen getestet, die in die entsprechenden Bereiche getrieben wurden“, sagte Ritzmann.

Traurige Berühmtheit erlangte im März 1976 auch der westaltmärkische Grenzabschnitt zwischen Holzhausen und Wiewohl: „Westlich der Müssinger Höhe baute Michael Gartenschläger seine erste Selbstschussanlage ab“, so der Museumsführer aus Schnega. Der ursprünglich aus dem brandenburgischen Straußberg stammende Gartenschläger schrieb als 17-Jähriger nach dem Bau der Mauer 1961 die Worte „SED – nee“ an eine Fassade. Danach zündete er eine leer stehende LPG-Scheune an und wurde daraufhin in einem Schauprozess zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 1971 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. In Hamburg wohnend, verhalf er 31 DDR-Bürgern zur Flucht.

„Zwei Mal gelang es Michael Gartenschläger, sich unbeschadet von der BRD-Seite an die Grenzanlagen heranzupirschen und zwei Selbstschussanlagen abzubauen, dann stellte ihm die Stasi eine Falle“, berichtet Dietrich-Wilhelm Ritzmann.

Die Enthüllungen Gartenschlägers in der Presse waren für die DDR eine Blamage. Das wollte das Grenzregime nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem Michael Gartenschläger verkündet hatte: „Das dritte Ding hole ich auch noch weg“, schnappte die tödliche Falle zu. Dieses Mal versuchte es Gartenschläger weiter nördlich, in einem Grenzabschnitt bei Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern. Beim Vorhaben, von Westen kommend, am 30. April 1976 die dritte SM 70 zu demontieren, ratterten 120 Schüsse los. Neun Geschosse trafen Michael Gartenschläger, er verblutete.

SM 70 fürs Museum gesucht

Bei Prozessen in den Jahren 2002 und 2003 gelang es nicht, die zwei tatverdächtigen Stasi-Offiziere als Drahtzieher zu überführen: Die Anwälte plädierten auf Notwehr, weil Gartenschläger eine Pistole dabei hatte und die Richter nicht ausschließen konnten, dass der DDR-Regimegegner als Erster geschossen hätte.

Auf bundesdeutschen Druck wurden die Selbstschussanlagen bis zum November 1984 abgebaut und heimlich verschrottet. Seit ihrer Installation ab dem Jahre 1970 wurden mindestens zehn Menschen durch sie getötet. „Ich würde viel dafür geben, eine originale SM 70 bei uns im Museum zeigen zu können, aber es ist keine zu bekommen“, sagt Dietrich-Wilhelm Ritzmann.

Von Kai Zuber

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