Altmark-Gas: Das lange Aufräumen

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Positives Beispiel nahe Niephagen: Revierförster Ralf Knapp (Vordergrund) führt Naturinteressierten gern während einer Tümpeltour diesen Biotop vor. Die Amphibien fühlen sich in der sanierten Bohrschlammgrube wohl.

SALZWEDEL. Šeit über 40 Jahren wird in der Altmark Erdgas gefördert – bislang rund 209 Milliarden Kubikmeter. Von den mehr als 450 niedergebrachten Bohrungen ist heute noch ungefähr ein Drittel in Betrieb – die Erdgasgewinnung befindet sich in der Auslaufphase. Nun gewinnt der Rückbau zunehmend an Bedeutung. Von Beatrix Koberstein

Schon 1968 wurden Erdgaslagerstätten in der Altmark – in der geologischen Formation des Rotliegenden (3 200 bis 3 500 Meter Tiefe) – nachgewiesen. In kürzester Zeit waren die Lagerstätten aufgeschlossen und bereits 1975 erreichte die Erdgasförderung rund neun Milliarden Kubikmeter pro Jahr – was damals etwa der Hälfte des gesamten Gasbedarfs der DDR entsprach. 1983 konnte mit einer Förderung von 12,5 Milliarden Kubikmeter ein Jahresmaximum erreicht werden.

Derzeit werden nur noch rund 0,6 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr mit etwa 130 Sonden an die Oberfläche gebracht. Die Lagerstätten in der einst zweitgrößten Erdgaslagerstätte des europäischen Kontinents sind zum Teil erschöpft oder nicht mehr rentabel zu fördern. Nun müssen die ehemaligen Bohr- und Sondenplätze sowie Bohrschlammgruben rückgebaut, gesichert und als Wiesen, Wald- oder Ackerflächen wieder nutzbar gemacht werden.

Auf einer Fläche von etwa 2 000 Quadratkilometern waren durch das ehemalige DDR-Kombinat Erdöl und Erdgas Gommern bergbauliche Anlagen errichtet worden. Beim Erforschen und Fördern des Erdgases wurden zahlreiche Bereiche kontaminiert. Nun gilt es, diese Schäden zu beseitigen. Dieser Aufgabe widmet sich die Anfang 2000 errichtete Landesanstalt für Altlastenfreistellung. Sie begleitet und steuert Sanierungsmaßnahmen – unter anderen der altmärkischen Erdgasfelder. Für das als ökologisches Großprojekt eingestufte Vorhaben werden Gesamtkosten in Höhe von rund 280 Millionen Euro veranschlagt. Mehr als 100 Millionen Euro wurden bereits ausgegeben, weiß Herbert Halbe, Leiter des Amtes für Wasserwirtschaft und Naturschutz im Altmarkkreis Salzwedel. 90 Prozent der Kosten werden aus dem Altlastenfonds finanziert, zehn Prozent trägt das Erdgasunternehmen Gaz de Franc Suez E & P Deutschland GmbH.

Im März 1998 wurde mit dem Rückbau begonnen. 172 von 182 Bohrschlammgruben wurden bis zum 1. Januar 2010 bereits saniert, berichtet Uwe Preukschas, der in der Kreisverwaltung den Bereich Boden und Altlasten bearbeitet. Pro Jahr werden etwa 15 bis 20 Standorte rückgebaut. Ein Vorgang, der vom Landesamt für Geologie und Bergwesen (LAGB) genehmigt werden muss. Der Altmarkkreis Salzwedel ist in die technische Bewertung involviert und gibt zu den einzelnen Vorhaben eine Stellungnahme ab. „Der Rückbau wird uns noch etliche Jahre begleiten“, sagt Herbert Halbe. Die für Jahre bergbaulich genutzten Flächen werden wieder so hergestellt, dass sie land- bzw. forstwirtschaftlich genutzt werden können – je nach Wunsch des bisherigen Eigentümers.

Der mit Mineralölkohlenwasserstoffen (MKW), Quecksilber und Chloriden kontaminierte Bohrschlamm wird ausgebaggert, abgefahren und in den Sondermülldeponien Hochhalde Schkopau sowie Wetro eingebaut. Zwischen 3 000 und 6 000 Tonnen Bohrschlamm können pro Grube anfallen. Die Mischung wird mit Kalk versetzt, um sie auf die Sondermülldeponien bringen zu können. Das war nicht immer so. Früher wurde der Schlamm auf der Deponie Niephagen gelagert: insgesamt 100 000 Tonnen. Nun wird die Deponie nicht mehr benötigt, sie wurde saniert. Die technische Anlage, die dort noch steht, wird in Kürze ebenfalls verschwinden. „Das ist ein großer Erfolg für die Umwelt“, freut sich Herbert Halbe.

Zu DDR-Zeiten sah der Rückbau der Bohrschlammgruben so aus: Sie wurden einfach zugeschoben. Ohne Rücksicht auf den MKW- und Schwermetall-verseuchten Boden. Bis heute schlummert in in den Böden das Gift.

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