Alte Schauer-Essigfabrik verschwindet

Gebäude an der Jenny-Marx-Straße wird zurückgebaut

Die alte Essigfabrik Schauer an der Jenny-Marx-Straße in Salzwedel wird zurückgebaut.
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Die alte Essigfabrik Schauer an der Jenny-Marx-Straße in Salzwedel wird zurückgebaut.
  • vonLydia Zahn
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Das Gebäude der alten Essigfabrik Schauer an der Jenny-Marx-Straße in Salzwedel wird derzeit zurückgebaut. Das teilte Grundstücksinhaber Gerhard Schlapmann der AZ auf Nachfrage mit. Der Grund: Das Gebäude ist baufällig. Deshalb laufen seit Herbst vergangenen Jahres die Abrissarbeiten. Rund ein Jahr soll das Vorhaben dauern.

Salzwedel - „Dann entsteht erst einmal eine Baulücke“, erklärt Schlapmann. Was dann mit dem Grundstück passiert, ist jedoch noch offen. Er hofft, dass jemand Interesse an der 562 Quadratmeter großen Fläche haben könnte und sie neu bebaut wird. „So lange die Ruine da steht, ist das Grundstück ja nicht so attraktiv“, findet der Eigentümer. Wenn die Fläche jedoch frei wäre, sei das Potenzial besser erkennbar. Er könnte sich vorstellen, dass sich ein Seniorenwohnheim wegen der Lage und Innenstadtnähe gut eignen würde.

Die Rückseite des Gebäudes.

Bis es so weit ist, dauert es aber noch. Denn das Haus muss Stein für Stein, Balken für Balken und Diele für Diele per Hand abgetragen werden. Aus Schutzgründen für die umliegenden Gebäude könne nicht mit Maschinen gearbeitet werden.

Im 19. Jahrhundert musste das Haus an der Jenny-Marx-Straße 2 (früher Lorenzstraße 2 und vor 1878 Am Bockhorner Tor Nr. 195) nach einem Brand neu errichtet werden, erfährt die AZ aus dem Salzwedeler Stadtarchiv. „Die ersten beiden Eigentümer sind in den Jahren 1812 und 1816 Brauer. Dann folgen durchgehend Kaufleute: schon 1818 ein Kaufmann Johann Daniel Schulz, dann 1857 der Kaufmann Traugott Telle, dann weitere Telles. 1899 der Kaufmann Fritz Dahlgrün und 1904 schließlich der Kaufmann Walter Schauer. Das passt meines Erachtens ganz gut zur Anzeige vom 14. Juli 1903, dass der Kaufmann Walter Schauer die Traugott Telle’sche Essigfabrik käuflich übernommen hat“, berichtet Stadtarchivar Steffen Langusch.

Ein Essig-Schauer Werbeblattfragment ist im Salzwedeler Stadtarchiv zu finden.

Einer der Vorbesitzer, Traugott Telle, sei wohl ziemlich „umtriebig“ gewesen, da er sich in einer Reihe von Branchen und Unternehmungen, die nicht immer erfolgreich waren, betätigte. So sei eine von ihm betriebene Ziegelei in Konkurs gegangen, wie Langusch erklärt.

Nachdem Walter Schauer am 21. Juni 1957 im Alter von 87 Jahren verstarb, führte die Tochter Margarete Semeniw, geb. Schauer, die Firma als „Walter Schauer KG“ weiter. „KG steht ja hier für Kommanditgesellschaft, da wird Frau Semeniw möglicherweise die Komplementärin der KG gewesen sein“, vermutet der Stadtarchivar.

Kurz nach dem Tod von Margarete Semeniw am 4. November 1972 flatterte ein Schreiben der Staatlichen Bauaufsicht an den VEB Nahrungsmittel Salzwedel ein. Nach einem Ortstermin wurde der bauliche Zustand des Produktionsgebäudes beanstandet. Mängel an Decken und Dachkonstruktion des Gebäudes mussten bis zum 30. September 1973 behoben worden sein, anderenfalls hätte der Produktionsraum für jede weitere Nutzung gesperrt werden müssen.

Ein Überbleibsel der Essig-Schauer-Fabrik.

„Der Betrieb ist also 1972 verstaatlicht worden, offensichtlich in einem gewissen Einverständnis mit den weiteren Kindern von Walter Schauer“, erklärt Langusch weiter. Und: „Noch 1982 ist von Essigproduktion durch den VEB Nahrungsmittel in dem Gebäude die Rede, immerhin hört es sich da so an, als ob man schon an den Umzug in ein anderes Produktionsgebäude gedacht hatte. Vermutlich ist aber bis zur Wende 1989 / 90 die Produktion von Essig in der Jenny-Marx-Straße fortgesetzt und dann beendet worden. Darüber liegen uns aber keine Unterlagen mehr vor, die Bauakte endet 1982 / 83 mit einem Bauvorgang zu Veränderungen in der Küche der dort noch wohnenden Tochter Katharine Springborn.“

Das Gebäude hat also schon so einiges miterlebt. Nun wird es abgetragen und dem Grundstück steht eine neue Geschichte bevor.

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