Kontrolldruck und Gesetzesverschärfung sollen Ursachen bekämpfen

Abstand ist mit Abstand das größte Unfallrisiko

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Der Arbeitsplatz von Frank Rößner (l.) und Dirk Schulze sind die Autobahn 2 und die Bundesstraßen im Norden des Landes. Raser und Drängler haben sie dabei besonders im Visier.

Autobahn 2 zwischen Theeßen und Burg. Ein dunkler BMW mit Stendaler Kennzeichnen schwimmt im Nachmittagsverkehr mit. „Da vorn“, raunt Frank Rößner seinem Kollegen Dirk Schulze zu. Der hat es schon im Blick. Ein Lkw kommt dem vor ihm fahrenden bedrohlich nahe.

Videoaufnahme aus dem Kontrollfahrzeug der Polizei.

Die Videoaufnahme läuft. Das Delikt wird beweissicher dokumentiert. Weniger als zehn Meter trennen die beiden Brummis. Vorgeschrieben sind 50 Meter Mindestabstand. „Wenn der Erste bremst, hat der zweite keine Chance“, sagt Rößner und drückt den Knopf „Polizei: Bitte folgen!“.

Nur zirka zehn, statt vorgeschriebener 50 Meter trennen den LKW (rechts im Bild) von dem vor ihm Fahrenden. Das Delikt wurde vom Kontrollfahrzeug der Autobahnpolizei erfasst und das Fahrzeug auf den nächsten Parkplatz herausgezogen.
Ein polnischer Lkw-Fahrer muss an Ort und Stelle ein Bußgeld zahlen.

Ein drastisches Bußgeld muss der Abstandssünder vor Ort bezahlen. Außerdem gibt es einen Eintrag im Verkehrszentralregister für den Fahrer aus Polen. „Auch Ausländer kassieren Punkte in Flensburg“, erklärt der Polizist. Die beiden Polizeihauptmeister sind ein eingespieltes Team im ProViDa-Fahrzeug (Proof Video Data System) des Autobahnpolizeireviers „Börde“ und fast täglich auf dem 85 Kilometer langen sachsen-anhaltischen A 2-Abschnitt unterwegs. Auch auf den altmärkischen Bundesstraßen sind sie im Einsatz. Ihr Augenmerk gilt Rasern, Dränglern und anderen Verkehrssündern. Abstandskontrollen stehen dabei ganz oben auf der Liste. Deutsche und Ausländer sind gleichermaßen im Visier.

Rund 4700 Unfälle wurden 2016 auf Sachsen-Anhalts Autobahnen registriert. Bei fast der Hälfte waren Lkw beteiligt. „Abstand ist mit Abstand die Hauptunfallursache“, berichtet Reviersprecher Frank Müller. Fast ein Drittel aller Unfälle auf der A 2 sind darauf zurückzuführen. Allein 41 Mal krachte es dort am Stauende mit Lkw-Beteiligung. Besondere Gefahrenpunkte sind Baustellen. Davon gibt es derzeit recht viele. Im Verhältnis zu den 24 Millionen Fahrzeugen, davon sechs Millionen Lkw, die jährlich über die Strecke rollen, seien die Unfallzahlen dennoch vergleichsweise gering. „Autobahnen sind die sichersten Straßen“, so Müller.

Auf einen Parkplatz werden Lkw zur stationären Kontrolle herausgewinkt.

Wenn Lkw in Unfälle verwickelt sind, habe das aber oft erhebliche Auswirkungen. Automatische Bremssysteme, die für Neufahrzeuge seit Kurzem obligatorisch sind, könnten das Schlimmste verhindern. Bis alle Lkw damit ausgerüstet ist, wird es aber noch eine Weile dauern. Mangelnde Aufmerksamkeit oder Ablenkung bleiben Hauptrisikofaktoren.

Als Fahrtenschreiber fungiert heutzutage eine Chipkarte. Mit einem elektronischen Lesegerät können die darauf gespeicherten Daten in Sekundenschnelle erfasst und ausgewertet werden.

Regelmäßige stationäre Kontrollen, bei denen neben dem technischen Zustand und der Ladungssicherheit besonders auf das Einhalten der Lenk- und Ruhezeiten geachtet wird, hätten zwar einen erzieherischen Effekt, träfen aber das schwächste Glied der Kette. „Vieles hängt vom Chef ab“, sagt Müller. Oft würden die Fahrer unter Druck gesetzt, es mit den Vorschriften nicht allzu ernst zu nehmen. Bei Verstößen müssten sie dann die Strafen meist aus eigener Tasche bezahlen.

Stationäre Abstandsmessung von einer Brücke aus. Problem dabei:Wegen fehlender Rechtshilfeabkommen kommen ausländische Verkehrssünder bei dieser Art der Kontrolle oft unbehelligt davon.

Ein Ärgernis für die Ordnungshüter sind Gesetzeslücken. „Essen oder Kaffeetrinken am Steuer sind nicht verboten“, erklärt Müller. Selbst wenn Lkw-Fahrer während der Fahrt Fernsehen gucken, Videos anschauen oder Computerspiele spielen, war das bisher kein Vergehen. Mit der aktuellen Verschärfung der Straßenverkehrsordnung, initiiert durch Bayern, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, ist das seit Oktober passé und die Nutzung elektronischer Geräte, „deren Bedienung mehr als nur einen kurzen Blick erfordern“, untersagt. Damit wurde das bisherige Handy-Verbot deutlich erweitert. Bei Missachtung drohen 150 Euro Bußgeld plus ein Monat Fahrverbot.

„Die A 2 ist schon wegen der hohen Verkehrsdichte ein Unfallschwerpunkt. Immer wieder kracht es, weil Lkw in ein Stauende rasen“, sagt Christine Rettig, Sprecherin des ADAC Niedersachsen-Sachsen-Anhalt. Verkehrskontrollen seien daher notwendig und sollten ausgeweitet werden. Ebenso wichtig sei aber das Verantwortungsbewusstsein, das alle Verkehrsteilnehmer an den Tag legen sollten. Bei vollen Straßen gelte daher grundsätzlich: Runter vom Gas und genügend Abstand halten!

Von Christian Wohlt

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