1811: Lüchow in Schutt und Asche

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Vor dem Lüchower Schloss blieben nach dem Brand am 24. April 1811 nur noch rauchende Trümmer übrig. Bereits ein Jahr später war der Wiederaufbau fast abgeschlossen.

Lüchow - Von Dr. Karl Kowalewski . Es geschah am 24. April 1811 gegen 18.30 Uhr in Lüchow: Ein Feuer in einer Brennerei breitete sich rasend schnell aus, entwickelten sich zu einem Inferno mit verheerenden Folgen: vom Amtsberg bis zur Rosenstraße, von der Jeetzel bis zur Drawehner Straße nur rauchende Ruinen. In diesen Tagen gedenkt die Bevölkerung der Kreisstadt dieser Katastrophe vor 200 Jahren.

Rückblick: Niemand ahnte damals, dass die Stadt Lüchow in zehn Tagen nur noch ein Trümmerhaufen sein wird. Es ist eine makabere Laune des Zufalls, dass der Brand seinen Ursprung ausgerechnet in einer Brennerei hatte.

„Die ganze Stadt“, so die amtliche Beschreibung unmittelbar nach dem Brand, „war anzusehen als ein mit brennbaren Materialien angefülltes, großes Magazin, in dem mehr als 2 000 Wispel Getreide, Malz, viel Streu und Heu sowie eine große Menge an Branntwein, Teer, Speckstein, Tausende von Klaftern trockenes Holz, eine Menge Pulver, Apotheker-Materialien in den ganz dicht auf einen Haufen gedrängten, nur von engen Straßen durchschnittenen Häusern, angehäuft waren.“ Die zahlreichen Scheunen und Hintergebäude waren größtenteils mit Stroh eingedeckt. Die Flammen breiteten sich in kürzester Zeit aus. Innerhalb von fünf Stunden war fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt. Die Feuerwehr mit ihrer damaligen Technik konnte nichts ausrichten.

Als der Morgen des 25. April 1811 graute, war die ganze Stadt Lüchow bis auf wenige Gebäude im Drawehner Coreitz und im Bezirk der St.-Johannis-Kirche ein rauchender Schutthaufen. Zweihundert Familien waren obdachlos geworden. Bilanz: 193 zerstörte Wohnhäuser, 89 Hintergebäude, 116 Ställe und weiteres.

Im Vordergrund des damaligen Krisenmanagements stand ganz einseitig die Überlegung, die Spuren des Brandes möglichst schnell zu beseitigen. In der ersten Phase sind über 200 Fuhrwerke und 800 Arbeitskräfte im Einsatz.

Die Arbeiter und Fuhrleute, Bauern kommen aus dem ganzen Distrikt, aus Arendsee, Diesdorf, Jübar, Wittingen, Calbe, Salzwedel, Gartow, Wustrow und natürlich aus Lüchow. Morgens um 6 Uhr müssen sie in Lüchow sein. Das geht nicht immer ohne Widerspenstigkeiten ab. Gendarmerie wird vor Ort eingesetzt, die für Ordnung sorgen muss.

Bereits am 16. Mai sind die Trümmer von den letzten Karrees, also den Vierteln, in die das Sanierungsgebiet aus Gründen der Übersichtlichkeit eingeteilt ist, abgeräumt. Damit kann die Arbeit an den Bauplätzen beginnen, am 5. September 1811 ist Lüchow völlig trümmerfrei.

Die gesamte Organisation des Wiederaufbaus liegt in den Händen von drei Personen: Distriktbaumeister Lietzmann aus Salzwedel und zwei Assistenten. Lietzmann konnte sich mit seinem Können, seiner Begabung und seiner Gestaltungskraft ungehindert entfalten. Er ist der erste wirkliche zivile Held der Geschichte Lüchows.

Sein Konzept ist von bestechender Klarheit: Er geht aus von der Beengung der städtischen Entwicklung durch die Jeetzel und die anstoßenden Wiesen. Im Mittelpunkt seiner Analyse steht die geografische Tatsache, dass die Stadt nur eine Aus- und Einfahrt habe, die durch die Lange Straße miteinander verbunden sind.

Durch diese Straße geht die stärkste Passage, mithin findet hier der größte Verkehr und die meiste Nahrung statt. Es fehlt jedoch ein dritter Eingang als Hauptbedürfnis für die bessere Passage durch die Stadt.

Das Gewirr von schmalen, krummen, verkehrshemmenden Straßen muss beseitigt werden. So ergibt sich ihm die Schlussfolgerung, dass die Stadt einen völlig neuen Grundriss erhalten muss. Die Winkelei wird in ein System von Rechtecken verwandelt. Und: Es entsteht ein großer Marktplatz vor dem Ratskeller.

Der Gesamtbedarf an Baumaterialien umfasst große Mengen: 49 099 Taler, 380 000 Mauersteine, 560 000 Lehmsteine, 36 000 Dachsteine, 1520 Tonnen Kalk, 4 300 Fuder Lehm, 180 Schock Dachlatten, 140 Schock Bretter, 16 000 laufende Meter Eichenholz, die aus Salzwedel, Schnackenburg, Dannenberg, Wolfsburg, Rathenow, Wittingen und aus dem Letzlinger Forst geliefert werden.

Der Wiederaufbau Lüchows ging so zügig voran, dass die Stadt bereits ein Jahr nach dem Brand fast völlig wiederaufgebaut war. Die historische Leistung Lietzmanns besteht darin, dass er in seinen Planungen für den Wiederaufbau mit frischem, klarem Blick in die Zukunft blickte. Er konnte es tun, weil die Staatsgewalt ihn nicht behinderte und weil er sich frei entfalten konnte.

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