Osterburger hütet Autogramme und schreibt eigene Lebensgeschichte nieder

Zwischen Glamour und alter Heimat

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Der 84-jährige Hans Heydemann sammelt Autogramme.

Osterburg – „Habe ich Ihnen schon von Heinz Rühmann erzählt?“, fragt Hans Heydemann und greift sich eines der fünf dicken Sammelalben. Der große deutsche Mime trat kurz nach dem Krieg in Osterburg auf.

„An der Jüdenstraße ließ er sich mit seiner zweiten Frau Hertha Feiler fotografieren. Das war unsere Chance.“ Der 84-Jährige blättert eine Seite nach der anderen um.

„Als Gage gab es damals für sie zum Teil Lebensmittel.“ Feiler, eine österreichische Schauspielerin, ist im Buch schnell gefunden. Die Aufnahme ist mit einer Unterschrift versehen, original. Wie fast alle der mehr als 200 Autogramme.

Mehr als 200 Autogramme hat der gebürtige Ostpreuße schon in seiner Sammlung.

Die AZ hat den gebürtigen Ostpreußen schon einmal Anfang Mai besucht. Der gelernte Kaufmann und Funkmechaniker schreibt seit einiger Zeit seine Erinnerungen auf, Enkelin Livia-Maria hilft ihm nun dabei, so oft sie kann. Es sind kleine Episoden über Flucht und Vertreibung sowie die nicht immer leichten Anfänge in der Altmark. „Sie stecken voller Emotionen“, meint die 33-Jährige und reicht ein Blatt Papier, auf dem ihr Großvater über die Begegnung mit einem schottischen Soldaten, der mehr Helfer als Besatzer war, berichtet. Die Enkelin ist in Stendal aufgewachsen und arbeitet als Erzieherin in Berlin.

Die junge Frau soll die Sammlung später einmal erben. „Verkaufen möchte ich nicht, auch ins Museum kommen die Karten nicht.“ Der Rentner weiß sehr genau, dass er einen kleinen Schatz besitzt. Angefangen habe alles mit seiner großen Liebe Eva Maria. „Auf der Flucht aus Oberschlesien rettete sie vor allem Karten von Ufa-Stars, eingenäht in den Pelzmantel, in die neue Heimat.“ Die beiden lernen sich als Stifte bei der realsozialistischen Handelsorganisation (HO) kennen und teilen die wachsende Leidenschaft. „Kein Autogramm ist irgendwie eingetauscht, alle haben wir sie selbst erkämpft“, sagt Heydemann und lächelt.

Hans Albers, Marcello Mastroianni, Lilli Palmer, Esther Williams, Gina Lollobrigida, Frank Sinatra, Grace Kelly... Der Biesestädter hat Schauspieler, Musiker und andere Künstler sowie einige Schriftsteller in seinen Alben. Die Karten sind fast allesamt in Schwarz-Weiß und zeugen von Weltruhm, der in den meisten Fällen noch anhält. Die Autogramme wurden zu einem beachtlichen Teil in tiefster DDR-Zeit gesammelt. 150 Anfragen ins westliche Ausland sind verloren gegangen. Heydemann vermutet die Staatssicherheit dahinter. Der 84-Jährige war Kreistagsabgeordneter der NDPD, einer Blockpartei.

„Eine der Großen, sie ist vor allem durch die Sissi-Filme unsterblich“, findet der Osterburger und tippt auf das Foto von Romy Schneider. Helene Weigel, Horst Buchholz, Annekathrin Bürger, Eva-Maria Hagen, Angelica Domröse... Ihre Gesichter sind hier noch jung, eine Parade west- und ostdeutscher Schauspieler. Manche traf das Ehepaar sogar persönlich. „Von Gojko Mitic, dem DDR-Indianer, war ich enttäuscht. Er ging mir nur bis zur Brust.“ Die Altmärker waren vielleicht einst sogar die einzigen ostdeutschen Mitglieder im Fanklub der Star-Trek-Ikone Leonard Nimoy (Mr. Spock). Natürlich gibt es auch von ihm ein Autogramm.

Überschaubar scheint die politische Abteilung. „Doch was ist schon politisch und was nicht?“ Aus Sammlersicht recht wertvoll dürften Bild und Unterschrift von den frühen DDR-Größen Pieck, Grotewohl und Ulbricht sein. Heydemann besitzt auch ein Autogramm von Leni Riefenstahl, einer der umstrittensten Persönlichkeiten der Filmgeschichte. Für ihn sind Foto und Unterschrift der NS-Propagandistin ein Zeitdokument, nicht mehr und nicht weniger. Auf einem kleinen gelben Zettel neben dem Foto steht: „Freundin A. Hitlers.“ Riefenstahl suchte die Nähe des Diktators. Eine körperliche Beziehung sehen Historiker eher nicht.

Die letzten Karten sind farbig und zeigen DDR-Bands. „Ich war zwölf, die Puhdys spielten in Stendal. Ich übergab eine Flasche Sekt und ergatterte für meine Oma ein Autogramm“, umschreibt die Enkelin den Auftrag und schaut ihrem Opa in die Augen. Und er erzählt von seiner Frau, die vor einigen Jahren verstorben ist, und noch einmal von seinem Dorf in Masuren. Fast zehnmal habe er es besucht, im Jahr 2000 auch mit Livia-Maria. Eine besondere Reise, finden beide noch heute. Die Enkelin will noch mehr beim Niederschreiben der Kindheitserinnerungen helfen. „Opa redet mit so viel Herzblut.“

Von Marco Hertzfeld

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