Nach dem Nein zur Gemeinschaftsschule hagelt es Kritik / Kreistag hat am 19. Februar letztes Wort

„Wollen kämpfen und nicht weinen“

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Karl Marx scheinen ob des Störfeuers aus Stendal die Tränen in den Augen zu stehen. Die Osterburger Sekundarschule trägt den Namen des Philosophen. Eine Metalltafel erinnert an ihn. Die Bildungsstätte ist inzwischen vom Landkreis für mehrere Millionen Euro aufwendig saniert worden.

Osterburg. Das mehrheitliche Nein des Kreis-Schulausschusses zur geplanten Gemeinschaftsschule in Osterburg schlägt in der Biesestadt Wellen. „Parteipolitische Dinge sollten außen vor bleiben, die Vernunft muss siegen.

Für mich zählen in erster Linie die Schüler und Eltern, und deren Wille wird einfach missachtet“, ist Jürgen Emanuel, Fraktionschef der Linken im Stadtrat, empört. Für ihn steht eine umgewandelte Sekundarschule „Karl Marx“ in keiner nennenswerten Konkurrenz zum örtlichen Markgraf-Albrecht-Gymnasium.

Enttäuschte Mitglieder der Elternvertretung warben noch am Sitzungsabend bei einem Treffen der SPD in Osterburg um Unterstützung. Landtagsmitglied Ralf Bergmann telefonierte mit einem Parteifreund, dem Kultusminister. „Stephan Dorgerloh hat angeboten, nach Osterburg zu kommen und mit allen zu reden. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber“, sagt Bergmann auf Nachfrage der AZ. Der altmärkische Landespolitiker will zudem in der Kreistagsfraktion seiner Partei für Klarheit sorgen. „Das neue Schulmodell ist unser Thema, es kann nicht sein, dass vor Ort so eine Situation entsteht.“

Aus der Osterburger Schule selbst kommt eine einfache Botschaft: „Wir wollen kämpfen und nicht weinen.“ Die Zeit bis zur entscheidenden Sitzung des Stendaler Kreistages soll genutzt werden. Elternvertretung und Förderverein planen eine größere Veranstaltung. Lehrerin Uta Harlfinger zur AZ: „Wir sind unendlich enttäuscht und total irritiert, dass das, was Politik in Magdeburg anschiebt, in Stendal nicht umgesetzt wird.“

Dr. Denis Gruber (SPD), der als Erster Beigeordneter für die Schulen des Kreises zuständig ist, wählt bewusst den Konjunktiv: „Eine Gemeinschaftsschule Osterburg könnte die Sekundarschule Goldbeck in Gefahr bringen.“ Beide Schulen seien geografisch nicht allzu weit voneinander entfernt. Und ein Lernort, der zukünftig alle Abschlüsse möglich macht, habe nun einmal eine gewisse Anziehungskraft. Hinzu kommt: Der Landkreis will in Goldbeck kräftig investieren. Die Schule soll für etwa 2,1 Millionen Euro saniert werden. Wenn Fördermittel aus dem Stark-III-Programm denn fließen und es auch so grünes Licht gibt, könnte vermutlich 2017 gebaut werden.

Matthias Köberle, Vorsitzende der Osterburger CDU, formuliert vorsichtig: „Ich persönlich sehe keine Gefahr für irgendeine andere Schule, weder für das Gymnasium noch für die Sekundarschule Goldbeck.“ Er erkenne vielmehr die Vorteile einer Gemeinschaftsschule, die nicht zuletzt ein längeres gemeinsames Lernen ermögliche.

Elke Hein, Leiterin des Gymnasiums, macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube und gesteht ein, „nicht der allergrößte Fan“ von Gemeinschaftsschulen zu sein. Ob es tatsächlich ein Erfolgsmodell ist, müsse sich erst zeigen. „Wir wissen schlichtweg noch nicht, welche Kenntnisse solche Schüler dann aufweisen.“ Und ja, womöglich verliere das Gymnasium den einen oder anderen Schüler für die Bildung eigener Einstiegsklassen. Grundsätzlich fürchte sie die Konkurrenz zu Gemeinschaftsschulen aber nicht, zumal ihre Einrichtung ja eine Kooperation mit der Gemeinschaftsschule Seehausen eingegangen sei. „Ich wünsche den Kollegen der Sekundarschule Osterburg nur das Beste, da ich weiß, wie viel Kraft und Mühe sie bereits investiert haben.“

Alle Augen richten sich nun auf den 19. Februar. Folgt der Kreistag in Stendal an diesem Tag tatsächlich der Empfehlung seines Fachausschusses, ist erst einmal Schluss. Denn: Der Gesetzgeber schreibt für den Weg zur Gemeinschaftsschule das Einvernehmen zwischen Schule, Schulträger (Landkreis) und Landesschulamt vor. Letztgenanntes hat das Konzept der Osterburger positiv bewertet. Schüler, Eltern und Lehrer wollen die Veränderung zum Lernjahr 2015/16. Doch der politische Segen würde fehlen, und der Weg bliebe damit versperrt. Die Biesestädter könnten dann zumindest irgendwann später einen zweiten Anlauf wagen.

Von Marco Hertzfeld

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