CDU-Attacke, AfD und der Terror: Stendaler Landes-Vize Faber sieht seine FDP vor Schicksalswahl

„Unterscheidet uns von Populisten“

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Ein Politikwissenschaftler aktiv in der Politik – für Marcus Faber geht das zusammen.

Osterburg . Extrem unruhige Monate beginnen, die FDP und Dr. Marcus Faber, ein aufstrebendes Mitglied aus Stendal, könnten sich darin verlieren. Der 32-Jährige will den Kreisverband in das für die Partei so schicksalshafte Jahr mit der Bundestagswahl im Herbst führen.

2017 hat bereits Fahrt aufgenommen: Für CDU-Generalsekretär Peter Tauber redet FDP-Bundes-chef Christian Lindner teilweise wie der Vize der erzkonservativen AfD, Alexander Gauland. Liberale wie Ex-Außenminister Klaus Kinkel keulen zurück. 

Faber steckt mittendrin im Überlebenskampf der FDP. Meinungsforscher sehen die arg gebeutelten Liberalen bei fünf Prozent und ein wenig mehr. Die Partei soll zudem 53 800 Mitglieder zählen, etwa 600 mehr als noch vor gut einem Jahr. Faber, der mittlerweile auf allen Parteiebenen mitmischt, hat für Sonnabend zum Kreisparteitag in den Osterburger Ortsteil Krumke eingeladen. Welche Rolle der Kreisvorsitzende zukünftig spielen will und soll, scheint noch nicht ausgemacht zu sein. Die AZ hat ihn schon einmal befragt.

Interview

CDU-General Peter Tauber schwingt die AfD-Keule gegen Ihre Partei. Doch vielleicht ist es ja auch nur eine PR-Nummer, um die Liberalen ein wenig ins Licht zu schubsen. Die Freien Demokraten wirken ob ihres Niedergangs der vergangenen Jahre noch wie in Schockstarre. Hand aufs Herz, wer hat sich das Scharmützel gemeinsam mit den Christdemokraten ausgedacht?

Die CDU würde nach der Wahl gerne eine Regierungsoption mit den Grünen haben. Wenn die Freien Demokraten wieder im Bundestag sind, wird das rechnerisch unrealistisch. Das ist die Motivation von Herrn Tauber. Der Schuss ist jetzt nach hinten losgegangen, weil die FDP auch in der Flüchtlingspolitik für einen vernünftigen Politikansatz steht. Wir erarbeiten Lösungen, statt Probleme zu beschreiben. Das unterscheidet uns von den Populisten.

So oder so, die FDP scheint niemand großartig zu vermissen, weder im Bundestag noch im Landtag. Von ihrer einstigen kommunalen Stärke in der Altmark ist auch nicht mehr viel übrig. Die Arbeit an der Basis scheint wichtiger denn je, um in der großen Politik auch nur ansatzweise wieder mitmischen zu können. Wie sehr haben die Unregelmäßigkeiten bei der Kandidatenkür der Liberalen zur Stendaler Stadtratswahl geschadet?

Meine Wahrnehmung ist eine andere. Die FDP hat das Jahr 2016 mit einem Mitgliederzuwachs abgeschlossen. Im Land hatte uns den Sprung auf 4,9 Prozent der Stimmen wohl zuvor kaum jemand zugetraut. Bundesweit liegen wir bei vier bis sieben Prozent. Da ist sicher noch Luft nach oben, aber die Neuaufstellung der FDP zeigt Wirkung. Die Menschen bekennen sich auch öffentlich wieder zu den Liberalen. Wir setzen auf einen Dialog auf Augenhöhe, neues Personal und verständliche Inhalte. Das kommt gut an.

Die Probleme der Kreis-FDP waren viele Jahre lang auch hausgemacht. Die Fehde zwischen Arno Bausemer und Ihnen, zwei politischen Talenten, ließ Mitglieder und Wähler nur noch genervt den Kopf schütteln. Ihr Intimfeind hat inzwischen die Partei verlassen und ist zur erzkonservativen AfD übergelaufen. Wann werden Sie sich im Landtag wiedersehen?

Durch den Parteiwechsel hat Herr Bausemer klar gemacht, wo er politisch steht. Ich habe ein liberales Menschenbild. Mit diesem gehen die Freien Demokraten jetzt jedenfalls geschlossen in das Wahljahr – und das macht uns sehr froh.

Krieg und Terror führen womöglich zur Zeitenwende. Konservative verschiedener Couleur bauen am sogenannten starken Staat. Freiheit und Bürgerrechte haben nicht gerade Hochkonjunktur. Die FDP dürfte die Karte der Wirtschaft allzu oft gespielt haben. Mit Hildegard Hamm-Brücher starb vor wenigen Wochen eine der letzten Linksliberalen der Republik. Was hat eine Partei der Besserverdiener nun überhaupt noch zu bieten?

Die Partei der Besserverdiener sind nicht wir, sondern die Grünen. Deren Wähler haben die höchsten Durchschnittseinkommen – und wollen ihren Lebensstil anderen aufzwingen. Die FDP ist die Partei für alle, die noch etwas vorhaben, für Menschen, die ihr Glück in die eigene Hand nehmen wollen. Deswegen unterstützen wir kleine Selbstständige, Start-ups, Tüftler und Denker. Wir stehen für die freie Entfaltung des Bürgers, und davon werden wir auch nicht abrücken. Videoüberwachung etwa verhindert keinen Terror. Sie sorgt für bessere PR vom Anschlag. Wir Liberalen setzen auf Maßnahmen, die wirken, zum Beispiel mehr Polizisten, die besser ausgestattet sind. Hier ist Sachsen-Anhalt in den letzten Jahren genau in die falsche Richtung gegangen. Nur unsere Polizei kann Gewalttaten von Rechten, Linken und Religiösen wirkungsvoll bekämpfen. Sie wollen wir stärken.

Zum Neujahrsempfang des Kreisverbandes haben Sie Bernd Schlömer, der für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt und vor gar nicht so langer Zeit die Piratenpartei im Bund angeführt hat, eingeladen. Was soll ein solch umtriebiger Ehrengast nach Krumke mitbringen?

Ich habe Bernd Schlömer als Menschen kennengelernt, der außerhalb eingefahrener Wege denkt. Als ehemaliger Piratenvorsitzender steht er auch für die Liberalen, die Sie eben nicht mehr zu sehen meinten. Seine Fachkenntnis im Bereich IT und Digitalisierung bieten gerade in einem ländlichen Raum wie der Altmark neue Chancen. Mit der Afghanistan-Koalition in Magdeburg ist Sachsen-Anhalt auf dem letzten Platz beim Breitbandausbau. Das muss besser werden. Darauf wollen wir hinweisen.

Vor zwei Jahren holte sich Arno Bausemer bei einer emotionalen Kampfabstimmung in Seehausen gegen Sie eine blutige Nase. Sie sind Vize-Landeschef der FDP, arbeiten im Bundesvorstand und sind beruflich stärker eingespannt als damals. Sie könnten den Sessel des Kreisvorsitzenden am 21. Januar einem anderen überlassen. Wie wollen Sie es halten?

Den Kreisverband leite ich jetzt seit zehn Jahren ehrenamtlich. Mit meinen Parteifreunden habe ich ein so gutes Verhältnis, dass wir über Personalfragen ganz offen und direkt sprechen. Ich will die Freien Demokraten in diese so wichtige Bundestagswahl führen. Im Weg stehen werde ich im Kreisverband Stendal aber bestimmt niemandem.

Sollte die FDP im Herbst wieder nicht in den Bundestag einziehen, könnte das ihr endgültiges Aus bedeuten. Wie sehr entscheidet der Urnengang in diesem Jahr auch über Ihren ganz persönlichen Weg? Dass ein Liberaler das Direktmandat in der Altmark holt, dürfte noch nie so unwahrscheinlich gewesen sein, wie in diesen unruhigen Zeiten.

Die Bundestagswahl 2017 ist die Schicksalswahl für die Freien Demokraten. Nach der Erneuerung, die wir durchlaufen haben, gibt es allen Grund, zuversichtlich zu sein.

Von Marco Hertzfeld

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