Elisabeth Salomon will ostdeutsche Geschichte näher beleuchten

Tafel soll an Opfer stalinistischen Unrechts erinnern

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Elisabeth Salomon auf dem Hof der Familie in Orpensdorf. Die 62-Jährige beschäftigt sich intensiv mit der Nachkriegszeit und sieht Kapitel ostdeutscher Geschichte nur ungenügend aufgearbeitet. Sie möchte möglichst viele Mitstreiter gewinnen.

Orpensdorf. „Die Zeit von 1945 bis 1949 ist ein großes schwarzes Loch. “ Elisabeth Salomon sieht die Nachkriegsjahre in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) unzureichend aufgearbeitet. „Menschen mussten fliehen, verloren Grund und Boden.

Menschen wurden verhaftet, kamen in Speziallager, starben oder kehrten gebrochen zurück. “ Eine Gedenktafel in Osterburg soll an die Opfer stalinistischen Unrechts in der Gegend erinnern. Die 62-Jährige denkt auch an den Aufbau eines Gesprächskreises, wo Betroffene nicht zuletzt jungen Leuten von damals erzählen können. „Wir dürfen keine Zeit verlieren, all zu viele Zeitzeugen gibt es nicht mehr. “ Mit einigen davon hat die Orpensdorferin in den vergangenen Tagen bereits gesprochen.

Die Sowjets schafften kurz nach dem Krieg vor allem frühere Funktionsträger und Nazis oder Menschen, die sie dafür hielten, oftmals ohne Prüfung und ein Gerichtsurteil in Speziallager. Der Heimatverein Osterburg konnte nach der politischen Wende in der DDR bis Mitte der 90er-Jahre 57 betroffene Einwohner aufführen, von denen nur 17 lebend zurückkehrten. Eine Tafel vor der früheren Dienststelle des NKWD, der politischen Geheimpolizei der Sowjets, an der Erzbergerstraße, einst Tannenbergstraße, oder vor einem Sammellager, das es laut Salomon an der heutigen Poststraße gegeben haben soll, möge auf das Schicksal dieser und anderer Osterburger verweisen. In den gut ein Dutzend Speziallagern in Ostdeutschland sollen insgesamt mehrere 10 000 Menschen umgekommen sein.

„Nur die restlose Klarheit und Wahrheit über die zwölfjährige Hitler- bzw. 40-jährige SED-Diktatur, einschließlich der von der Besatzungsmacht zu vertretenden Maßnahmen, helfen, diese Zeiträume in der geschichtlichen Bewertung objektiv zu beurteilen.“ Was zwei führende Mitglieder des Heimatvereins im Juni 1995 geschrieben haben, kann Salomon 20 Jahre später nur bekräftigen. „Es geht nicht um Relativierung und bloße Schuldzuweisung. Es geht um Gerechtigkeit. Jeder Mensch hat doch das Recht auf Würdigung seines individuellen Schicksals.“

Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) in Magdeburg macht sich für eine Gedenktafel in Tangermünde stark. In der Elbestadt hat es mindestens ein sogenanntes Sammellager gegeben. Von dort aus kamen Verhaftete unter anderem nach Sachsenhausen, einem Lager, in dem Jahre zuvor die Nazis gemordet hatten. Neben NS-Funktionären der mittleren und unteren Ebene sollen dort übrigens unter anderem auch widerspenstige Sozialdemokraten und andere Gegner der neuen politischen Ordnung in Ostdeutschland inhaftiert gewesen sein. In welcher Form an die Ereignisse der Nachkriegszeit im südaltmärkischen Tangermünde erinnert werden kann, scheint noch nicht abschließend geklärt (die AZ berichtete).

Salomon möchte einen ähnlichen Prozess für den Norden des Landkreises Stendal anstoßen. Die Mutter zweier Kinder stammt aus Bayern, ihr Ehemann Hans-Ulrich ist gebürtiger Altmärker. Seine Familie musste die Region nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen, Grund und Boden in Orpensdorf gingen erst einmal verloren. Nach der Rückkehr der Salomons auf das Gut arbeitet die Frau des Hauses nun wie selbstverständlich und neben dem Broterwerb an einer „Kultur des Erinnerns und Gedenkens“. Wer sich in die Initiative einbringen möchte, sei willkommen. Die 62-Jährige hofft auf zahlreiche Mitstreiter. Salomon ist Präsidentin des Heimatverdrängten Landvolks (HvL), eines Verbandes mit bundesweit 800 Mitgliedern, der sich für die Interessen von in der SBZ und DDR enteigneten und von ihren Höfen vertriebenen Landwirten einsetzt.

Von Marco Hertzfeld

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