28 Jahre mit und ohne Mauer: Magisches Datum macht Osterburgs Bürgermeister nachdenklich

„Den Sozialismus abgeschüttelt“

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Dreck, irgendwelche Farbe und Rost: Philosoph Karl Marx hat einen schweren Stand. 

Osterburg. „Wir haben den Sozialismus abgeschüttelt. Doch er gehört zu unserer Geschichte, ein wenig sichtbar kann und sollte er ruhig bleiben. “ Und wenn auch nur im Straßenbild.

Osterburgs Ortsbürgermeister Klaus-Peter Gose weint der DDR keine Träne nach und denkt gerade dieser Tage wieder häufiger an das Leben damals. Mit dem 6. Februar ist die Berliner Mauer länger weg, als sie gestanden hat. Sie trennte mehr als 28 Jahre lang. „Gefühlt hat sie allerdings viel, viel länger gestanden. “ All die Auf- und Umbrüche, auch in der eigenen Familie und in der heimatlichen Altmark sowieso: Der 67-Jährige will gegenüber der AZ einige Dinge ansprechen und vielleicht ja so eine Diskussion anstoßen.

„Wie viel Sozialismus steckt noch in uns?“ Gose kratzt sich am Kopf und denkt zu allererst an das, was alle sehen können: Schilder. Karl Marx, Ernst Thälmann, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und weitere Helden der kommunistischen Welt tauchen nach wie vor im Straßenverzeichnis auf. „Man kann immer über den einen oder anderen Namen nachdenken und über Umbenennungen streiten. Wir Deutsche verfangen uns aber viel zu oft im Extremen“, meint der gebürtige Seehäuser und verweist auf Städte wie Berlin, wo immer wieder auch über Straßen diskutiert wird, die den Namen deutscher Kolonialherren tragen. „In Osterburg sollten die sozialistischen Namen erst einmal bleiben. Das heißt ja nicht, dass die Generation nach uns das genauso sehen muss.“

In der Stadt stehen einige DDR-Denkmäler, die an Krieg und Verfolgung erinnern, der Opfer der Nationalsozialisten gedenken. „Darüber brauchen wir nicht diskutieren. Solche Stätten sind durchaus wichtig.“ Die Sekundarschule in der Stadt heißt Karl Marx und wolle das auch nicht ändern. Nahe der Bildungsstätte steht eine kleine Metallplatte mit dem Konterfei des linken Theoretikers. Auch wenn das Ganze im engeren fachlichen Sinne kein Denkmal sei und vor allem an die Namensgebung der Schule erinnere, sollte der Zustand ein besserer sein. Gose spitzzüngig: „Es ist eine Schande, dass jene Leute, die noch entsprechenden Ideen anhängig sind, es nicht einmal schaffen, einen Subbotnik zu organisieren und die Platte ein wenig zu reinigen.“

Alles andere als verstaubt sei das DDR-Schulsystem gewesen, vom ideologischen Ballast einmal abgesehen. Gose, von Hause aus Schlosser, später unter anderem Lehrausbilder und nach der politischen Wende auch Einzelhändler, skizziert: „Polytechnische Oberschule, kurz POS, allgemeinbildend, zehn Jahre lang, der Klassenverband blieb zusammen, ein beachtlicher Praxisanteil.“ Skandinavische Länder, die heute im internationalen Vergleich vorn liegen, hätten sich am DDR-Modell orientiert. „Vielleicht haben wir in Ostdeutschland zu schnell zu viel über Bord geworfen. Doch hinterher ist man immer schlauer.“

Der CDU-Mann vermisst auch einen Teil des Gesundheitssystems, insbesondere die realsozialistische Poliklinik. „Ich bin auch kein Freund übermäßig vieler unterschiedlicher Krankenkassen, weil die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft besteht.“ In Deutschland gibt es weit mehr als 100 gesetzliche und private Anbieter. „Ich könnte mit einer einheitlichen Lösung, mit einer Bürgerversicherung, gut leben.“

Gut leben können sollte Deutschland auch mit Russland. „Unsere obersten Politiker sollten nie vergessen, dass wir die Wiedervereinigung nicht zuletzt der Sowjetunion und Herrn Gorbatschow zu verdanken haben, von dort gab es grünes Licht.“ Und überhaupt: „Es endete nie gut, wenn Deutschland auf Konfrontation mit Russland ging. Die aktuellen Wirtschaftssanktionen gegen Putin & Co. schaden doch letztendlich vor allem uns und der deutschen Wirtschaft“, glaubt Gose. Vielleicht sei diese Sichtweise ja auch ein Stück weit „ostdeutsch“. Wer weiß. „Es gibt ja noch so viel zu reden.“

Von Marco Hertzfeld

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