Bauernverband will den Wolf im Fadenkreuz sehen / Gespräche mit Jägerschaft für Februar geplant

„Sorgen der Tierhalter abgewiegelt“

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Ein Wolf in Rheinland-Pfalz, aufgenommen von einem Jäger durch das Spektiv. 

Osterburg. In Wald und Flur scheint der Teufel los. Isegrim breitet sich aus und schlägt entsprechend oft zu. Mitte Februar 2016 tötete der Wolf bei Ballerstedt in einem Gehege 25 Mufflons und Damhirsche.

Kerstin Ramminger

Nicht nur Tierhalter in Osterburg und Umgebung haben das noch nicht vergessen. Ein Schäfer am Rande des Tangerlandes beklagt regelmäßig Verluste. Nun erobert das Raubtier offenbar auch die Klietzer Wälder, ein kapitales Exemplar soll sich dort ein Hirschkalb als Neujahrsbraten geholt haben. Die Liste der Attacken wird länger, allein für das vergangene Jahr hat das Land mehr als 34 Angriffe auf Nutztiere gezählt. Die AZ hat Kerstin Ramminger, seit vier Jahren Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Stendal, dazu befragt.

Interview

Der Bauernverband Sachsen-Anhalt scheint eigenartig ruhig, wenn es um den Wolf geht. Woran liegt das?

Seit Beginn meiner Tätigkeit als Geschäftsführerin beschäftigen wir uns im Hintergrund sehr stark mit den Auswirkungen der Ansiedelung des Wolfes auf die Landwirtschaft und im Besonderen auf die Schaf- und Mutterkuhhaltung. 2013 wiesen wir das Ministerium bei unserer Klausurtagung auf die Gefährlichkeit einer durch den Wolf aufgeschreckten Mutterkuhherde hin, die panisch die Zäune durchbrechen kann und somit eine potenzielle Gefahr für den Straßenverkehr darstellt. Versicherungstechnische Defizite, Haftbarmachung bei Unfällen auch mit Todesfällen waren dort Thema. Der Bauernverband hat zur Leitlinie Wolf im April 2015 klar Stellung bezogen.

Das mag alles sein, doch was heißt das bitte konkret?

Unter anderem ist für uns die gesellschaftliche und politische Position nicht nachvollziehbar, nach der der Wolf keine Gefahr für den Menschen darstelle und die flächendeckende Ansiedlung von Wölfen in Sachsen-Anhalt ein natürlicher Prozess sei. Die nicht vorhandene Scheu vor dem Menschen ist in Deutschland und auch im Landkreis Stendal mehrfach dokumentiert. Ein unbelasteter Landschaftsbesuch der Hundehalter, Pferdesportler, Touristen, Pilzsammler und Spaziergänger und die Gewohnheiten der ländlichen Bevölkerung werden einen negativen Wandel mit sich bringen. Unsere Forderung an die Landesregierung ist unverändert die, sich im Bundesrat dafür einzusetzen, dass die Bundesregierung auf die EU Einfluss nimmt, damit der Wolf einen Schutzstatus erhält, der eine Regulierung des Bestandes zulässt. Diese Forderung ist stetig an unser Ministerium herangetragen worden. Denn eines sollte uns allen bewusst sein: Wenn kein Umdenken erfolgt, ist ein Ende der Schaf-, Mutterkuh- und Geflügelfreilandhaltung absehbar.

Der Präsident des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Detlef Kurreck, sieht laut Ostsee-Zeitung die nötige Bestandsregulierung bislang „eher halbherzig“ diskutiert und fordert die Politik in seinem Bundesland zum Handeln auf. Welche Botschaft haben Sie für die Regierenden in Magdeburg?

Die Botschaft liegt in der Forderung zur Regulierung des Wolfsbestandes in Sachsen Anhalt. Der politisch und gesellschaftlich gewollte Wolf wird von der Landwirtschaft finanziert, wieder einmal trägt der Tierhalter die meisten Kosten. Es müssen alle Aufwendungen erstattet werden, die für den Wolfsschutz erbracht werden. Wir fordern einen Rechtsanspruch auf vollständige Entschädigung von Rissen, die auch indirekte Schäden wie Verlammungen (Fehlgeburten, Anm.d.Red.) und Ausbrüche von Herden aus Koppeln abgelten, sowie den Einsatz von Herdenhunden und den Mehraufwand, der notwendig ist. Wir fordern, den Lebensraum der Wölfe auf nicht zivil genutzte Territorien zu begrenzen.

Das zuständige Ministerium in Sachsen-Anhalt befindet sich in bündnisgrüner Hand. Wie groß ist dort das Verständnis für die Sorgen der Tierhalter?

Die Sorgen der Tierhalter werden aufgenommen, aber stets mit Blick auf den Schutzstatus des Wolfes abgewiegelt.

Gerade die Altmark ist reich an Weidevieh. Inwiefern droht tatsächlich ein Aus der offenen Weidehaltung von Pferden, Rindern und anderen Nutztieren, sollte Isegrim sich weiterhin ungebremst vermehren und ausbreiten können?

Französische Naturwissenschaftler sind zu der Erkenntnis gekommen, dass der Wolf überaus lernfähig ist und vieles in seinem Rudel weitergibt. Überspringen von Zäunen, das Aufscheuchen einer Herde, die dann ausbricht, sind nur zwei mögliche Vari-anten der Wolfsjagd. Ein eingezäuntes Weidetier ist schneller und effektiver zu bejagen als zum Beispiel ein freilaufendes Reh. Wir werden keinen sicheren Schutz für unsere Weidetiere erreichen. Ich bin mir sicher, dass die Weidehaltung, die schon ohne den Wolf ein nicht besonders einträchtiges Geschäft ist, den Bach runtergeht, wenn hier politisch nicht eingegriffen wird. Was wird dann mit den nicht mehr beweideten Flächen, Grünland zu Buschland? Das kann nicht der Effekt sein, den eine bündnisgrüne Landwirtschaftsministerin erreichen will. Gleiches gilt übrigens für die Deichbeweidung. Über den Erhalt der ländlichen Räume mit der Landwirtschaft als großem Arbeitgeber will ich mich gar nicht weiter auslassen.

Doch warum schafft es eine hochmoderne Land- und Tierwirtschaft wie die deutsche eigentlich nicht, sich auf eine natürliche Veränderung einzustellen?

Der schon viel von mir zitierte politische Wille wirkt auch hier. Tiere sollen doch aus den Ställen in die Natur: Freilandhaltung für Rind, Schwein und Huhn. Unsere hochmodernen Ställe mit viel Luft und Licht sind nicht gewollt, es heißt, zurück zur Natur und damit auch zu den Naturbegebenheiten wie dem Wolf, dem Luchs und was sonst noch so auf uns zukommt. Einige Mitmenschen sind sogar der Meinung, dass der Schäfer doch wie früher bei der Herde übernachten und diese so schützten sollte. Mittelalter war gestern, in der Zeit von Coffee-to-go und vielen anderen Annehmlichkeiten, deren wir uns erfreuen, sollte auch dem Schäfer zugebilligt werden, ein Leben zu führen wie wir auch.

Werden Schafe oder andere Nutztiere gerissen, gibt es eine Entschädigung. Auch für präventive Arbeit fließt Geld, in einigen Bundesländern mehr, in anderen weniger. Letztendlich handelt es sich aber immer um Steuergeld. Wie sehr darf sich die Politik mit dem Geld aller eigentlich freikaufen?

Das ist eine gute Frage. Ich bin ein Verfechter von Bürgerbefragungen. Somit könnte schnell festgestellt werden, ob der Wolf wirklich gesellschaftlich gewollt ist. Ich denke, mittlerweile dreht sich der Wind, weil sich die Betroffenheit gerade im ländlichen Raum häuft und teilweise auch Angst im Spiel ist. Gehe ich noch mit dem Hund in den Wald, lasse ich mein Kind mit dem Pferd in den Wald? Also bitte: Fragen wir die Landbevölkerung nach ihrer Meinung.

Die Stimmen werden lauter, zumindest sogenannte Problemwölfe ohne Wenn und Aber abzuschießen. Wer Isegrim die Rückkehr in alte Reviere gänzlich verstellen will, der redet schon längst nicht mehr hinter vorgehaltener Hand davon. Wie stark sollte der Wolf ins Visier der Jägerschaft kommen?

Die Problematik ist vielschichtiger, als uns lieb ist. Wenn der Wolf richtig ins Jagdgesetz aufgenommen wird, steht der Jäger auch regelrecht in der Pflicht. Ein weiterer Faktor ist die Zusammenrottung der verschiedenen Wildbestände als Reaktion auf den Wolf, die jetzt schon Schäden und Kosten verursachen, die ein Jäger nicht tragen kann. Hier muss gemeinsam mit der Jägerschaft nach Lösungen gesucht werden. Dazu wird es im Februar verschiedene Gespräche mit Betroffenen und Bundestagsabgeordneten geben, die der Bauernverband Börde und der Kreisbauernverband Stendal initiieren werden.

In zehn, 15 Jahren schreit kein Hahn mehr nach dem Wolf, Isegrim hat sich eingerichtet, zieht in gesunden Rudeln seine Jungen auf und holt sich so manches Reh und Wildschwein. In jeder Hinsicht ausreichend viel Schalenwild lebt in den Revieren, Bäume und Sträucher sind weniger stark von Verbiss gezeichnet, der Wald atmet auf. Dreht Isegrim am Rad und will sich ein Schaf holen, wissen dies Hund, Zaun und Schäfer zu verhindern. Vielleicht bekommt er auch eins auf den Pelz gebrannt, er liegt danieder oder lernt daraus. Kein Märchen, eine Erfolgsgeschichte in der Altmark, in Sachsen-Anhalt – Wie sehr würden Sie diese mitschreiben wollen?

Eine Erfolgsgeschichte für wen? Für den Wolf, der sich ausbreitet, oder für den Tierhalter, dessen Existenz bedroht oder schon dahin ist? Wer entscheidet, wie viel Wolf unser Land verträgt, der entscheidet auch darüber, wie sich der Wirtschaftsfaktor Landwirtschaft in den nächsten Jahren entwickeln kann. Ironisch könnte man auch sagen: Wenn es keine Tierhaltung mehr gibt, können wir Wolfssafaris anbieten, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, oder wir könnten Labore eröffnen, um festzustellen, was im Fleisch aus fernen Ländern, die auch nicht solchen strengen Kontrollen wie in Deutschland unterliegen, alles so enthalten ist. Doch ernsthaft: Lieber ist mir ein Miteinander in Maßen und eine Möglichkeit, dem Wolf seine natürliche Hemmung dem Menschen gegenüber wieder nahezubringen, durch Vergrämungen und Ähnliches, und ihn wirklich nur dort leben zu lassen, wo es keine zivile Bevölkerung gibt.

Von Marco Hertzfeld

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