1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Osterburg

Schriftsteller und Ehefrau im Gefühlschaos

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

null
Norbert Lazay, Pressesprecher des Dorftheaters Gladigau, begrüßte die Zuhörer zur Tolstoi-Lesung mit Ingrid Birkholz und Wolfgang Kaven im Saal des Dörpschen Krugs in Gladigau.

Gladigau. Schon bei ihrer ersten Begegnung sind sie von einander fasziniert, ahnen aber noch nicht, dass sie mehr als 50 Ehejahre miteinander verbringen werden – der Schriftsteller Lew Tolstoi und seine Sonja. Es ist ein Leben, angefüllt mit emotionalem Chaos.

Die Wellen schlagen hoch, das Paar durchlebt Verliebtheit und Leidenschaft, Hingabe und Verachtung, Sehnsucht und Unverständnis. Obwohl Lew und Sonja unter einem Dach wohnen, leben sie doch in gegensätzlichen Gedanken- und Gefühlswelten. All das dokumentieren die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe, die sie jeweils an den anderen, oft aber auch gegen ihn geschrieben haben. Wirkungsvoll gewählte Auszüge aus diesen Zeitdokumenten brachten am Freitagabend die Schauspielerin Ingrid Birkholz und ihr Kollege Wolfgang Kaven in einer Lesung im Saal des Dörpschen Krugs Gladigau zu Gehör.

Diese Veranstaltung setzte einen würdigen Schlusspunkt im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum zehnjährigen Bestehen des Dorftheaters Gladigau. Das betonte auch Pressesprecher Norbert Lazay in seinen Begrüßungsworten. Er gab einen kurzen Rückblick auf die vor wenigen Tagen beendete erfolgreiche Spielzeit und andere Höhepunkte. Dann stimmte er die etwa 70 Gäste mit den Schluss-Sätzen aus Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“ auf die Lesung mit dem Titel „Ist das Liebe?“ ein. Vom ersten Augenblick an zog der Dialog von Ingrid Birkholz und Wolfgang Kaven die Zuhörer in seinen Bann. Es war, als würde man mit ihnen eine Reise durch das Leben der Tolstois unternehmen und dabei mitten hineingeraten in den Strudel ihrer großen Emotionen. „Ist das Liebe?“ hinterfragt Lew immer wieder seine Gefühle zu Sonja. Ist das Liebe, fragte sich wohl auch so mancher im Saal, angesichts der massiven Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten und ihren grundverschiedenen Lebensauffassungen. Da stehen sich zwei völlig unterschiedliche Charaktere gegenüber, die nicht mit einander, aber auch nicht ohne einander existieren können. Lew, der vom Schreiben Besessene, kämpft wortreich immer wieder gegen sein Verlangen nach Müßigkeit und Fleischeslust an. Er kämpft aber ebenso für die Allgemeinheit, will Glück und Zufriedenheit für alle Menschen nicht erst im Jenseits, sondern im Diesseits erreichen. Dafür ist er bereit, auf sein Hab und Gut zu verzichten, seine Buchrechte zu verschenken, seine Wiesen allein zu mähen und sich auch seine Stiefel selbst zu nähen.

Sonja, als Ehefrau schon in jungen Jahren an seiner Seite, beeindruckt von seiner Berühmtheit und Männlichkeit, schenkt ihm 13 Kinder, kümmert sich um deren Erziehung, außerdem um Haus und Gutshof. Nachts schreibt sie seine Manuskripte ab. Aber andererseits will sie auch das Leben genießen – fühlt sich in Moskau viel wohler als der Narziss Lew. Sonja will, dass die Kinder studieren und dass sie ihrem Stand entsprechend in die Gesellschaft eingeführt werden.

Doch der 18 Jahre ältere Schriftsteller hat ganz andere Visionen – Visionen von einer besseren Welt, in der alle Menschen ohne Besitz und damit gleichgestellt sind. Er will auf seinem Gut „Jasjana Poljana“ neue Formen des Zusammenlebens zwischen seiner Familie und den Angestellten und Bauern etablieren, strebt nach Gemeinnützigkeit und Gleichheit. Aus dieser Gegensätzlichkeit heraus, die stets von großen Gefühlen begleitet wird, erwächst ein Kampf, der das ohnehin komplizierte Verhältnis des Ehepaares nach und nach zerstört. In letzter Verzweiflung flieht der betagte Lew und seine engsten Vertrauten verweigern Sonja später den Abschied von ihrem sterbenden Mann...

Während der Lesung gerieten auch die Zuhörern immer stärker in das Spannungsfeld dieser ungewöhnlichen Ehe. Das war vor allem dem leidenschaftlichen Vortrag der Tagebuch- und Brieftexte durch Ingrid Birkholz und Wolfgang Kaven zu verdanken, die mit ihrem Wortduell Szenen „ins Bild setzten“.

Von Diana Kokot

Auch interessant

Kommentare