Verein setzt nach kreativer Pause auf Aktionen gegen Homophobie und organisiert „Feuerball“

„Schmiede“ bricht das Schweigen

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Bücher, Grünpflanzen und das Bild eines Vorfahren: Lothar Zahn hat die wilden Zeiten im Berliner Szeneviertel Kreuzberg miterlebt und schätzt nun besonders das Landleben in der Altmark. Der 60-Jährige ist so etwas wie der Schmiedemeister des Vereins.

Polkau. „Ich habe mich in vielen Ländern herumgetrieben, doch in Europa habe ich mich nirgends so wohlgefühlt wie hier in diesem Käsekaff Polkau. “ Lothar Zahn lehnt sich in seinem Stuhl zurück und zieht genüsslich an der selbst gedrehten Zigarette.

Der gebürtige Westberliner lässt nichts auf das altmärkische Dorf bei Osterburg kommen. An seiner mitunter ziemlich derben Wortwahl stört sich schon lange niemand mehr großartig, im Gegenteil. Seit mehr als zwei Jahrzehnten engagiert er sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit. Der nichtkommerzielle Verein „Die Schmiede“ für Jugendaustausch und Kultur wird 2014 bereits 20 Jahre alt. Nach einer gewissen „kreativen Pause“, wie der 60-Jährige es nennt, wollen die 14 Vereinsmitglieder wieder verstärkt angreifen: „Gegen Sexismus und Homophobie. “.

Irrationale Angst vor allem, was auch nur nach Homosexualität rieche, sei weit verbreitet, und offene Feindschaft gegen Lesben und Schwule häufiger, als man vielleicht annehmen könnte. „Frauen lieben Frauen, Männer Männer oder sogar beide Geschlechter. Wo ist das Problem?“ Zahn hat damit keins und will gerade jungen Leuten beim Coming-out helfen und nicht an der Welt verzweifeln lassen. Besonders in den ländlichen Gebieten des Landkreises Stendal hätten es junge Homosexuelle schwer. Es fehlt an Strukturen und an Aufklärung sowieso, ist der Wahl-Polkauer sicher. „Es fängt doch schon in unseren Schulen an. Wenn jemand ,Du schwule Sau!’ sagt, müssen Lehrer sofort eingreifen und nicht schweigen.“

Schweigen scheine sowieso typisch für die Region zu sein. Ein offener Brief an Politiker, Pädagogen, Erzieher und Erziehungsberechtigte vor noch nicht einmal einem Jahr blieb bislang zumindest von politischer Seite ohne große Resonanz. „Einfach unglaublich daneben.“ Unter der Überschrift „Wir haben so ein Kribbeln im Bauch“ wenden sich Zahn und Mitstreiter in dem Papier gegen Diskriminierung und fordern spezielle Angebote. Das Vereinsgelände selbst sieht der 60-Jährige als Anlaufpunkt für schwule, lesbische und bisexuelle Jugendliche, aber nicht nur für sie. „Die Mischung macht es aus. Wir sind offen für alle.“

In diesem Sinne organisiert der Verein für Ostersonnabend, 30. März, einen „Feuerball“, eine Fete im Schein der Schwedenfeuer, nicht nur für „aufgetakelte Kerle mit Strapsen und fesche Frauen mit Bart“. Wer einmal einen Tag anders sein, sich anders geben oder einfach nur mitfeiern möchte, sei in der Palisadenburg hinter der alten Schmiede richtig. Zahn spricht von einem Fest für jedermann. Interessierte können sich unter anderem auf Livemusik freuen. So treten nahe der Dorfstraße das Duo „Feinripp mit Eingriff“ und der alewitische Volksmusiker Ali Alican auf. „Ein Stück Orient in Polkau.“ Eine Café-Info-Runde beginnt um 15 Uhr, der eigentliche Feuerball 19 Uhr. Wer sich selbst noch künstlerisch einbringen möchte, der wähle Tel. (039328) 989962. www.die-schmiede-ev.de

Von Marco Hertzfeld

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