Pausenlos auf Achse: Christina Schunke (52) engagiert sich über Bundesfreiwilligendienst bei der „Stendaler Tafel“

„Ohne sie würde der Laden nicht laufen“

Christina Schunke im Kühlraum der Stendaler Tafel. Die Ostaltmärkerin engagiert sich bereits seit etlichen Jahren für die Sozialorganisation. Sie gehöre schon zum Inventar, sagt die 52-Jährige schmunzelnd über sich selbst. Seit März packt sie über den BFD mit an.

Stendal. „Einige kommen mit gesenktem Kopf, die Scham ist groß. Andere haben sogar ein gewisses Anspruchsdenken und fragen selbstbewusst nach: ,Habt ihr das noch, und habt ihr das noch?’ Der Mensch ist eben verschieden.

Es gibt allerdings auch schwarze Schafe, Betrüger, Schmuggler, Menschen, die sich bereichern wollen. Doch da passen wir auf und schmeißen sie hochkant raus. “ Christina Schunke holt Kiste um Kiste aus dem Kühlraum der Stendaler Tafel für wirtschaftlich Schwache. Am nächsten Tag wird eine der drei Außenstellen Tangerhütte, Tangermünde und Osterburg öffnen, alles muss gut vorbereitet sein. Allein in der rolandstädtischen Adolph-Menzel-Straße 16, dem Herzstück der Organisation, steht die Tür sogar jede Woche garantiert einmal offen. Am vergangenen Sonnabend kamen mindestens 230 Leute, früher waren es in Hochzeiten vielleicht 150. „Es werden immer mehr“, seufzt die 52-Jährige. Die gelernte Textilreinigerin hat sich viele Jahre ehrenamtlich in der Einrichtung engagiert, arbeitete auch als Ein-Euro-Jobberin dort. Nun darf sie seit März für ein Jahr lang über den Bundesfreiwilligendienst (BFD) bei der Hilfsorganisation mit anpacken.

„Ohne sie und ihre Kollegen würde der Laden nicht laufen“, erkennt Andrina Tiede unumwunden an. Die 26-Jährige ist das Bindeglied zwischen der Tafel und dem „Gut Priemern“, einer gemeinnützigen GmbH, die im Juli 2012 die Trägerschaft vom Paritätischen übernommen hat. Die Tafel mit Bärbel Kohl an der Spitze kann auf gut 35 ehrenamtliche Helfer vertrauen. Hinzu kommen derzeit noch vier Ein-Euro-Jobber und eben die Bundesfreiwilligendienstler oder auch „Bufdis“, wie diese oftmals nur kurz genannt werden. „Die Tafel hat von Anfang an den BFD genutzt. Für soziale Organisationen wie diese ist eine solche Möglichkeit der Unterstützung ungemein wichtig. Wir befinden uns momentan in der zweiten Runde“, Tiede. Neben Schunke ist es Jens Duldhardt, ein 37-jähriger, gelernter Straßenbauer, der sich auf diese Art und Weise 30 Stunden in der Woche engagiert. Und in Priemern hat Silke Kersten ihr Tun. Aktuell sind zwei Stellen offen. Interessierte können sich jederzeit melden.

Schunke hat es eilig. Einige Händler müssen noch angefahren werden. Nicht zuletzt seien die großen Einkaufsmärkte interessant. Seit sechs, sieben Wochen macht auch Aldi mit und reicht Waren, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr gebraucht werden, an die Bedürftigen weiter. Warum sich die Kette lange Zeit gesträubt hatte, interessiert die Altmärkerin nicht. „Hauptsache, sie ist jetzt dabei.“ Wenn es um die Zahl aller beteiligten Geschäfte geht, reichen die Finger beider Hände nicht aus. „Es sind eben durchaus einige Firmen aus dem gesamten Landkreis“, macht Schunke um die konkrete Zahl ein kleines Staatsgeheimnis, damit auch ja keinem Unrecht getan werde. Und überhaupt sei es nun wirklich höchste Eisenbahn. Die 52-Jährige, die auch nach dem Freiwilligendienst am liebsten im sozialen Bereich tätig sein möchte, setzt sich zu Klaus Dehnhardt in den Transporter. Der 56-Jährige stammt gebürtig aus Düsedau, lebt nun schon eine halbe Ewigkeit in Stendal und ist so etwas wie ein Urgestein der Sozialorganisation. „Ich bin bereits seit ungefähr neun Jahren dabei, also fast so lange, wie es die Stendaler Tafel gibt.“

Tiede sitzt derweil wieder über ihren Abrechnungen. „Die Zahlen sind wichtig, man darf den Überblick nicht verlieren“, weiß die Verwaltungsassistentin. Selbst in den Außenstellen werde der Andrang immer größer. Zwischen 70 und 90 Menschen holen sich dort regelmäßig Lebensmittel. Darunter sind wie in der Kreisstadt auch zunehmend viele alleinerziehende Mütter, ältere Menschen, die mit ihrer Rente nicht auskommen, und Migranten. In der Tüte der Bedürftigen landen nicht zuletzt Brot, Obst und Gemüse, Joghurt, eine kleine Tüte Kaffee, wer mag. Nur wer einen Hartz-IV-Bescheid oder ein vergleichbares Papier, den passenden Rentennachweis vorzeigen kann, erhält den für die Menschen wertvollen Tafelausweis. Die Einzelperson zahlt für jeden Besuch 1,50 Euro, die Großfamilie fünf Euro. Der Korb für Letztgenannte wird bereits im Vorfeld gepackt, um ja keine böse Diskussion aufkommen zu lassen, warum denn ausgerechnet ein Einzelner derart reich bedacht werde. Niemand kann wissen, dass alles zusammen an mehrere Menschen geht.

„Beschweren braucht sich sowieso niemand. Die Beutel sind voll, und dann kommt noch etwas obendrauf. Aber zum Leben reicht so ein Beutel einmal in der Woche natürlich auch nicht aus. Es ist ein Zusatz, eine Unterstützung, nicht mehr und nicht weniger“, stellt Tiede klar. Kritikern, die meinen, dass die insgesamt mehr als 3000 Ausgabestellen der Tafeln in Deutschland bei aller lobenswerter Arbeit auch der Politik in die Hände spielen und Missstände zu übertünchen helfen würden, kann und will die Osterburgerin nicht wirklich folgen. „Wir sehen allein die Not des Einzelnen, der Bedürftigen, und wollen, dass es ihm und ihnen besser geht.“

Bufdis wie Schunke und Kollegen seien in dieser Arbeit sehr wertvoll. Eine Einbahnstraße scheint das Ganze auch nicht zu sein. Wer sich über den BFD engagiert, bekommt zwar nicht das große Geld, kann die Arbeit aber durchaus als Chance sehen, beruflich noch einmal neu Fuß zu fassen und anderswo feste Arbeit zu bekommen. Viele von ihnen haben viele Jahre lang selbst Hartz IV bezogen und müssen jeden Euro dreimal umdrehen. „Für einige Bufdis ist auch allein schon die Aussicht, nach diesem einen Jahr wieder Arbeitslosengeld I beziehen zu können, Antrieb genug.“

Wobei jüngere Leute den BFD naturgemäß mehr dazu nutzen könnten, sich überhaupt einmal darüber klar zu werden, was sie im Leben wollten. Eine durchaus wichtige Hilfe für so manchen Jugendlichen, der die Orientierung verloren habe. Die Organisatoren des BFD ziehen gemeinhin eine Grenze. Die Rede ist dann von U27 und Ü27 sowie einem ostdeutschen Phänomen. Unter 27-Jährige interessieren sich momentan noch nicht sonderlich für den Freiwilligendienst des Bundes, der als Reaktion auf die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 und damit des Zivildienstes eingeführt wurde. „Ganz anders die über 27-Jährigen, von denen immer mehr die Chance erkennen, die sich da für einen ganz persönlich auftun kann“, so Tiede.

Wer sich für den BFD bei der Tafel und Gut Priemern interessiert, wähle Tel. (039384) 21329. Zusätzliche Hinweise zur Arbeit der Tafel lassen sich im Internet auf www.stendaler-tafel.de finden. Dort stehen auch Adressen und Öffnungszeiten der Ausgabestellen Stendal, Osterburg, Tangermünde und Tangerhütte.

Von Marco Hertzfeld

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