Verein der Stalinismus-Opfer sucht im Raum Osterburg nach Spuren sowjetischer Sammellager

„Offene Rechnungen beglichen“

VOS-Vorsitzender Johannes Rink (73) zeigt eine der Zellen des Stasi-Untersuchungsgefängnisses. Das markante Gebäude am Moritzplatz ist mittlerweile eine Gedenkstätte. Ralph-Peter Klingenberg (58) saß dort als junger Mann in einer der Zellen. Fotos: Hertzfeld

Magdeburg / Osterburg. „Viele dieser Menschen sind bei Nacht und Nebel aus ihrem Haus geholt worden, ein Teil verschwand für immer. “ Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) in Magdeburg sucht nach den Spuren sowjetischer Sammellager in der Altmark.

„In Richtung Osterburg hat es garantiert eines gegeben, auch in anderen Gegenden. Doch wir wissen einfach noch zu wenig darüber“, sagt Johannes Rink, Vorsitzender der Landesgruppe. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fackelten die Sowjets nicht lange und führten nicht zuletzt NSDAP-Mitglieder oder Menschen, die sie dafür hielten, an diesen Punkten zusammen. „Von dort aus starteten dann die Transporte in die nachgenutzten Konzentrationslager. “ Nur wenige Jahre zuvor hatten die Nazis dort systematisch getötet.

„Das Klima in den Dörfern und Städten war vergiftet, das darf uns nicht wundern. Menschen wurden denunziert, offene Rechnungen beglichen, Streite, die mitunter älter waren als der Krieg, auf diese Weise beigelegt. Die Russen holten sich Menschen, egal, ob diese nun schuldig waren oder nicht. Es konnte fast jeden treffen“, meint der 73-Jährige. Für die Altmark sind bislang zwei Sammellager bekannt. Seit Mai 2014 weist eine Gedenktafel in Gardelegen auf die Geschichte des Gebäudes hin. Gern würde die VOS auch für die Burg in Tangermünde eine Tafel anbringen. Doch dies gestalte sich noch schwierig. Es gebe in der Stadt zwar durchaus Verständnis, aber eben auch Vorbehalte. „Wir wollen keine Touristen verschrecken, uns geht es um das Erinnern“, beteuert Rink.

Der gebürtige Magdeburger kennt die Altmark. Sein Vater hatte viele Jahre lang in Möllenbeck bei Bismark einen Bauernhof. Der junge Johannes ging in Stendal zur Berufsschule, erlernte das Bäckerhandwerk. 1958 verließ er die Region und wurde Seemann. Wegen staatsfeindlicher Propaganda musste Rink 1962 für vier Jahre ins Zuchthaus und erhielt ein Berufsverbot. „Weil ich die Mauer nicht als antifaschistischen Schutzwall bezeichnet habe, sondern als das, was sie war, schickten sie mich durch die Hölle.“ Rink rettete sich danach zu Verwandten in Magdeburg, fing beruflich von vorn an und ging in den Schwermaschinenbau. Die Zeit im Knast werde er nie vergessen. „Wir müssen alle dunklen Kapitel der Geschichte aufarbeiten. Die Zeit drängt, bald ist die Generation derer, die alles miterlebt haben, für immer weg.“

Die Forschung müsse in nächster Zeit einen entscheidenden Schritt vorankommen. Einige wenige Arbeiten liegen bereits vor, darunter ein Doppelband mit dem Titel „Abgeholt und verschwunden“. Eine der Autoren ist Edda Ahrberg, die frühere Leiterin der Gauck-Behörde in Magdeburg. Sie lebt mittlerweile im altmärkischen Cobbel. Einer der skizzierten Lebenswege ist der von Alwin Kempe. Der Lehrer arbeitete unter anderem in Heiligenfelde und Erxleben bei Osterburg. 1933 trat er in die NSDAP ein. In einer geschmuggelten Nachricht aus Tangermünde vom 20. August 1945 heißt es: „Liegen auf der Burg, in einem mittelalterlichen Speicher, 260 Mann in zwei Etagen, aus dem ganzen Bezirk Magdeburg.“ Kempe starb 1947 im Speziallager Sachsenhausen.

„In den nachgenutzten Konzentrationslagern wurden die Menschen, bis auf wenige Ausnahmen, nicht bewusst aufgehängt, geköpft oder anders beseitigt. Sie wurden aber bewusst sterben gelassen. Sie starben an Hunger, Krankheit und Kälte“, erläutert der VOS-Vorsitzende. Das Schicksal vieler Menschen sei auch so viele Jahre nach den Ereignissen noch unklar und der Grad ihrer Schuld nicht abschließend bewertet. Die sowjetischen Spe- ziallager wurden Anfang der 1950er-Jahre aufgelöst. „Es gibt noch viele Fragezeichen hinsichtlich der Speziallager und noch viel mehr zu den kleineren Sammellagern, von denen es einige auch in der Altmark gegeben haben muss“, vermutet Rink und rechnet mit der Reaktion von Zeitzeugen.

Darauf hofft auch Ralph-Peter Klingenberg, der Geschäftsführer der VOS. Das Büro des Vereins befindet sich im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis am Magdeburger Moritzplatz. Der 58-Jährige arbeitet ehrenamtlich dort, wo er als 18-Jähriger für einige Zeit in der Zelle saß. Später kam er ins Zuchthaus in Cottbus. 1976 kaufte ihn die BRD frei. „Ich wollte in der DDR mit zwei Freunden Flugblätter verteilen. Wir forderten unter anderem Presse- und Meinungsfreiheit und protestierten gegen die Abhängigkeit von der Sowjetunion. Das war schon zu viel.“ Dabei entstammt er nach eigenen Worten einer DDR-Vorzeigefamilie. Der Vater sei ein hoher Funktionär gewesen und habe beim Rat der Stadt gearbeitet. Sein Sohn hatte andere Ideale, hörte zu allem Überfluss auch noch Westmusik und ließ sich die Haare lang wachsen. 2003 kehrte Klingenberg endgültig in die alte Heimat zurück.

Wer der VOS bei der Suche nach möglichen Nachkriegs-Sammelpunkten im Norden Sachsen-Anhalts helfen kann, der wähle Tel. (0391) 2522551.

Von Marco Hertzfeld

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