Pferde-Züchterin Kolbe päppelt verstoßenen Weißstorch auf / Tier soll in neue Familie kommen

Nestwärme für Adebar „Rüdiger“

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„Rüdiger“ bekommt den Hals nicht voll. Claudia Kolbe hat den kleinen Kerl zwei Wochen lang umsorgt. Ihr zweiter Schützling, Bodenstorch „Luca“, bleibt vermutlich für immer bei ihr.

Osterburg. „Schön Abstand halten, er soll sich auf keinen Fall an den Menschen gewöhnen“, bitte Claudia Kolbe und blickt auf ihren Schützling.

Der junge Weißstorch thront am Erdboden auf einem künstlichen Horst aus Stroh und plustert sich in diesem Moment mächtig auf, macht sich größer als er ist. „Als der kleine Kerl am 8. Juni zu mir kam, war er nur wenige Wochen alt und wog nicht mehr als 850 Gramm, eine Handvoll Elend. “ Der Vogel hat vorübergehend bei der Tierfreundin gelebt, die ihn aufgepäppelt hat, quasi Tag und Nacht. „So etwas macht man nicht nebenbei“, sagt sie der AZ. Nun wird es Zeit für das richtige Leben, der Storch wird das Anwesen zwischen Osterburg und Stendal verlassen und soll heute in ein extra ausgesuchtes Nest irgendwo im Norden des Landkreises gesetzt werden. „Der Abschied ist da. “.

Seine alte Familie in Bertkow hat ihn nicht gewollt, oder besser, seine drei Geschwister haben ihn verdrängt und den Kleinsten von ihnen einfach aus dem Nest geschubst. „So ein Verhalten ist bei Störchen gar nicht so selten“, weiß Kolbe. Verletzungen scheint das Tier nicht davongetragen zu haben. Ein Mädchen hatte den Vogel nach seinem Absturz in einem Busch gefunden und ihn „Rüdiger“ getauft. Ob Rüdiger tatsächlich ein Junge ist, lasse sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen. Ein Bluttest wäre dafür nötig. „Letztendlich sei es ja auch völlig egal“, meint Kolbe schmunzelnd und wirft dem Storch aus einiger Entfernung nacheinander zerteilte Küken und Mäuse zu. Rüdiger langt kräftig zu. „Er hat ordentlich an Gewicht zugelegt und ist ein richtiger Brocken geworden.“

Kolbe lebt seit 2005 in der Altmark. Sie kommt ursprünglich aus Hessen, ihre Familie hat auch ostdeutsche Wurzeln. Die studierte Ethnologin züchtet Koniks, robuste Ponys. „Bisher konnte ich nur Pferde und Menschen reparieren. Nun weiß ich, es klappt auch mit Störchen.“ Dass auf ihrem eigenen Hof sogar Adebare brüten, sei so etwas wie Fügung. Als im vergangenen Jahr dort ein Küken aus dem Nest fiel, mussten Entscheidungen getroffen werden. Das Tier hatte nicht so viel Glück und brach sich irreparabel einige Knochen. In Absprache mit den Experten des Storchenhofes Loburg nahm Kolbe den „Bodenstorch“ schließlich für immer unter ihre Fittiche und nannte ihn „Luca“. Die Neu-Altmärkerin lachend: „Ja, es ist tatsächlich ein Mädchen, ein Gentest hat es gezeigt.“

Luca kann nicht richtig laufen und fliegen schon gar nicht. Für Klein-Rüdiger ist die ansonsten recht fidele Dame die passende Amme. Beide haben ein ähnliches Schicksal und teilten sich einige Tage lang das Gehege. Außerdem stehen noch zwei Störche aus Plastik im Gehege, die helfen, die Kameraden in Freiheit nicht zu vergessen. Das Areal ist zu den Seiten hin mit stabilem Maschendraht gesichert, darüber hat Kolbe in gut zwei Meter Höhe für alle Fälle noch ein Netz gespannt. „Man weiß ja nie, was so an Räubern aus der Umgebung unterwegs ist. Wobei ich ja eigentlich sowieso immer ein Auge auf alle meine Tiere habe.“

Störche sind für Kolbe der Indikator für eine gesunde Natur. „Es gibt wieder mehr von diesen Vögeln, einfach toll.“ Sie arbeitet eng mit Gerd Flechner, einem Vertreter des Kreis-Umweltamtes in Stendal, und dem Storchenhof Loburg zusammen. „Ich höre auf deren Ansagen, nur so geht es.“ Wenn ein Storch aus dem Nest fällt, seien verantwortungsbewusste Menschen und die Fachleute gefragt. „Die Bürger in Bertkow haben sich vorbildlich verhalten und die richtigen Stellen informiert. Ein dickes Lob dafür.“

Von Marco Hertzfeld

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