Prof. Kaschade will Asylbewerber stärker fordern, kritisiert Politik und stellt selbst ein Projekt auf die Beine

„Müssen sich nicht gleich wohlfühlen“

Ein Asylbewerber arbeitet in einem ostdeutschen Betrieb. So könne vielerorts auch ein Rezept gegen den Fachkräftemangel aussehen.

Osterburg. „Wer Asylbewerber im ländlichen Raum will, der muss ihnen Arbeit anbieten. Als Sozialhilfeempfänger nutzen sie uns nichts“, ist Prof. Hans-Jürgen Kaschade überzeugt.

Früher mussten diese Menschen sechs Monate warten, um arbeiten zu können, inzwischen sind es nur noch drei. „Doch warum überhaupt so eine zeitliche Hürde?“ Der einstige Geschäftsführer des Existenzgründerzentrum BIC in Stendal fordert ein Umdenken auf allen politischen Ebenen, eine breite Diskussion und Projekte, die sich auch in Osterburg und jeder anderen altmärkischen Stadt umsetzen lassen. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, was Flüchtlinge noch machen können, außer drei Monate Däumchendrehen“, meint ein 75-Jähriger, der als linksliberal gilt.

Momentan sei die Situation doch diese: Auf der einen Seite gebe es gewisse Ressentiments in der Bevölkerung gegen Migranten, die islamfeindliche Pegida-Bewegung, auch wenn ihr die Luft auszugehen scheine. Und auf der anderen Seite sage der deutsche Staat, wir wollen und müssen helfen, brauchen diese Menschen sogar ein Stück weit aus ganz eigenen Interessen. „Wie kriegen wir das zusammen? Es wird viel über Willkommenskultur geredet, manchmal auch schon zu viel. Dies läuft alles aus der sozialen Perspektive. Wir brauchen aber mehr die wirtschaftliche Sicht. Asylbewerber müssen sich nicht gleich wohlfühlen, vielmehr müssen sie zeitnah begreifen, dass der Wohlstand in Deutschland auf Arbeit basiert“, glaubt der Professor.

Notwendig seien Projekte, die fordern und fördern. Der Gründungsrektor der Hochschule in Magdeburg und Stendal denkt auch an den zweiten und dritten Arbeitsmarkt sowie an kommunale Gesellschaften, wie es sie für Langzeitarbeitslose in der Altmark bereits gibt. „Die Palette gesellschaftlich nützlicher Arbeit ist groß und hört bei irgendwelchen Aufräumarbeiten noch nicht auf.

Da sind Ideen gefragt.“ Deutsche und Ausländer könnten auch gemeinsam arbeiten. Betriebe mögen Praktika anbieten. Projekte sollten zudem an Sprachunterricht gekoppelt sein. Und natürlich müssten ob ihres Lebensweges traumatisierte Asylbewerber noch einmal besonders betreut werden.

Prof. Kaschade ist fest davon überzeugt, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz, wie es etwa die USA und Kanada längst hätten, guttun würde. „Ein solches Gesetz, feste Spielregeln, die einleuchten, zusammengenommen mit Asylbewerbern, die quasi ab der ersten Stunde arbeiten dürfen und sollen, das alles würde Ressentiments abbauen helfen. Nicht bei allen, aber bei vielen.“ Offene oder verdeckte Feindschaft gegen Ausländer sei schon längst keine Randerscheinung mehr, vielleicht aber auch noch nie gewesen.

Der 75-Jährige möchte nicht auf die große Politik warten und geht für ostaltmärkische Asylbewerber im Kleinen voran. In einigen Tagen soll ein von der Kaschade-Stiftung gefördertes Projekt in der Kreisstadt vorgestellt werden. Zum genauen Inhalt hält sich der Professor öffentlich noch bedeckt. Nur so viel: Es sind mehrere Partner beteiligt, darunter die Hochschule und die Freiwilligen-Agentur Altmark. „Projekte lassen sich überall auf die Beine stellen, auch in Osterburg und Umgebung. Asylbewerber, egal, ob diese nun anerkannt sind und bleiben dürfen oder geduldet werden, brauchen eine Botschaft, und die kann nicht heißen, setz dich in die Ecke und sei ruhig. Das hilft keinem wirklich weiter.“ Allein für dieses Jahr rechnet der Landkreis mit etwa 1000 neuen Flüchtlingen.

Von Marco Hertzfeld

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