Das Ende einer Kultserie: Osterburger TV-Gesicht Gunnar Solka über Politik und Zukunftspläne

„Mit der Unnachgiebigkeit der Lindenstraße“

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Eine Szene, die auf der Haut brennt und Fans noch immer in Atem hält. Obwohl sie schon so lange her scheint. In Folge 1087 vom 1. Oktober 2006 verführt Carsten (Georg Uecker, oben) Lotti (Gunnar Solka).

Osterburg – Gunnar Solka ist das Osterburger Gesicht in der Fernsehserie „Lindenstraße“. Seit mehr als 15 Jahren gehört der Altmärker fest zum Ensemble dazu und verkörpert den recht draufgängerischen Peter „Lotti“ Lottmann, einen Friseur.

Doch nun ist Schluss mit der Kultserie, die ARD stellt sie nach mehr als drei Jahrzehnten ein. Am 29. März 2020 wird die letzte Folge der so langlebigen Familienstaffel ausgestrahlt. Fans werden an diesem Sonntag im März noch einmal vor dem TV-Gerät sitzen und bei all den großen und kleinen Geschichten mitfiebern. Wie es ihm mit dem Serien-Aus geht, dazu hat die AZ den 48-jährigen Solka in dieser Woche befragt.

Wie haben Sie vom geplanten Ende der Fernsehserie 2020 erfahren?

Solka: Es kam eine E-Mail von unserer Produzentin.

Sie werden auch 2020 noch viel zu jung für das Altenteil sein. Inwieweit wird es Sie nun wieder verstärkt auf die Theaterbühne ziehen? Das Stendaler Theater der Altmark kennen Sie ja gut.

Meine erste Rolle hatte ich am Theater der Altmark in Woody Allens „Gott“. Die wurde dann von Daniel Aichinger übernommen, der 1996 ans TdA kam und inzwischen auch in der Lindenstraße spielte. Bis dahin war ich zwischen der Schauspielschule in München und dem Theater in Stendal gependelt. Und ich hatte Stendal damals sehr vermisst und bin nachts von der Theaterkantine oder der Kultkneipe Herbsthaus nach München gefahren. Natürlich würde ich gern einmal wieder zurück an dieses Theater.

Sie spielen in der Lindenstraße den Friseur Lotti. Was macht diese Figur so besonders und wie sehr wird sie Ihnen fehlen?

Mir gefällt an Lotti, dass er polarisiert, dass er unangepasst ist. Ob in den politischen Aktualisierungen oder auch zuletzt in seiner Reaktion auf die Reizfigur Roland Landmann zur HIV-infizierten Lea, die in Tanjas und Lottis Salon arbeitet. Es geht mir aber vor allem darum, dass es eine Figur in einem Format ist, in dem ich mich als politischer Mensch sehr gut aufgehoben fühle.

Lotti war einmal der Kaufsucht verfallen. Überhaupt ist die ARD-Serie bekannt dafür, sozialpolitische Themen, mal mehr, mal weniger heiß, anzufassen. Die nackte Angst vor Aids, der vermutlich erste schwule Kuss der deutschen Filmgeschichte, die Neue Rechte im Internet und auf der Straße – die Serie konnte fesseln. Warum soll das alles niemand mehr sehen wollen?

Sehen wollen es nach wie vor viele. Von daher verstehe ich die Argumente von ARD-Programmdirektor Volker Herres bis heute nicht. Sie hat viel vorgelebt. Es gab den Kriegsdienstverweigerer, die Geflüchteten, es gab die erste symbolische Schwulenhochzeit, wir können uns seit 20 Jahren durch die Figur Mürfel in das Leben von Eltern mit einem behinderten Kind hineinversetzen. Und in ein Weiterbestehen der Liebe nach einer Scheidung wie bei Helga und Hans, der letztes Jahr zwischen seinen Lieben Anna und Helga starb. Die Lindenstraße zeigte nicht die klassische Familie als Gesellschaftsmodell, sondern die Gesellschaft als Familie.

Das konnte mitunter sogar vor Gericht enden. Welche weiteren Konfliktlinien taten sich auf?

Ich erinnere mich noch an den ersten Aids-Toten im deutschen Fernsehen. CSU-Mann Gauweiler wollte damals das Bundesseuchengesetz auf Infizierte anwenden und eine Figur kommentierte: „Gauweiler und Co., das sind doch alles Faschisten.“ Der Politiker klagte gegen die Schauspielerin, die diesen Drehbuchsatz gesagt hatte. Er verlor den Prozess, denn der Satz entsprach dem Charakter der Figur. Mit der Figur der Lea, die wie ihr Onkel Klaus Beimer kurzzeitig in die rechte Szene abrutschte und aus dieser wieder herausfand, haben wir eine aktuelle Figur mit HIV.

Die wachsende Rolle der politischen Rechten im wahren Leben scheint Ihnen gewaltig gegen den Strich zu gehen. Warum?

Gerade versucht AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Demokrat zu verkaufen. Deshalb finde ich die Auseinandersetzung in einem fiktionalen Format wie der Lindenstraße enorm bedeutend. Es gibt im Internet auch aus rechten Teilen einige Beschimpfungen gegen unsere Storylines zu den Geflüchteten, die uns nicht erfreuen, uns aber auch nicht hindern können. Nach dem ersten Kuss zwischen zwei Männern im deutschen Fernsehen, der eigentlich sein zweiter Kuss in der Lindenstraße war, bekam Georg Uecker 1990 Morddrohungen. Er erhielt dann Personenschutz. Und machte weiter.

Diese Reaktionen scheinen Sie aber auch nach wie vor noch aus einem anderen Grund zu bewegen, wollen Sie davon erzählen?

Schwulenhass hatte ich auch einmal in der Altmark erlebt, als mir jemand einen Bierkrug an die Schläfe schlug, als ich bei heruntergelassener Scheibe im Auto saß. Dass ich wie damals, noch traumatisiert, im Gericht seine Entschuldigung annahm, würde mir heute nicht mehr passieren. Sicher auch durch meine Erfahrungen mit der Unnachgiebigkeit der Lindenstraße. Was mir heute noch sehr gefällt: Georg Uecker und ich tauschten als Carsten Flöter und Peter Lottmann in unseren Rollen vier Küsse aus und die beiden Männer landeten im Bett. Mir ist es wichtig, dass auch Kinder das sehen und dann ihren Eltern Fragen stellen können. Das macht es den Eltern sehr viel einfacher. Was ich oft höre, ist: Das ist normal, das gibt es ja auch in der Lindenstraße.

Inwiefern haben die Pläne der ARD die aktuelle Arbeit am Set verändert?

Etliche medienpolitische Artikel verurteilten die Entscheidung der ARD in Bezug auf den bildungspolitischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Gut, dass die für uns sprechen, denn es bestärkt uns, dass wir gute Arbeit leisten. Und die vielen Zuschauer, für die die Absetzung ein Verlust ist. Vor einigen Tagen hatten wir mit 230 geladenen Fans ein Meet & Greet und dann tanzten sie als Komparsen mit uns unseren letzten Silvestertanz. Ich sehe uns als Freunde, die nun bis zur letzten Folge ihr Bestes geben. Und die aktuellen Storylines bleiben politisch. Gerade habe ich mit meinen Langzeitkollegen und Freunden Georg Uecker und Sybille Waury unter unserer neuen Regisseurin Verena S. Freytag im Akropolis gedreht. Das erste Mal saßen wir drei dort zusammen vor über 15 Jahren mit Harry Rowohlt, den ich vermisse. Das Wissen darum, dass es das bald nicht mehr gibt, betrübt natürlich.

Sie sind gebürtiger Osterburger, ihre Familie lebt in der Biesestadt. Wenn Ihre TV-Kollegen fragen, was erzählen Sie über Ihre altmärkische Heimat?

Das Wort Heimat benutze ich ungern. Es begrenzt. Ich mag Osterburg sehr, bin immer wieder dort und die Stadt gehört zu mir. Ich lebe in Berlin im politisch sehr linken Boxhagener Kiez, in dem auch einige meiner Kollegen wohnen. Ich schwärme davon, dass wir in Osterburg einst zwei Kinos hatten, wenn ich das Programmkino mitzähle, bei dem ich im Filmclub meines Lehrers Peter Neustadt war. Und vom wundervollen Kulturhaus, in dem in meiner Kindheit die Osterburgerin Martina Guse auftrat, die später Schauspielerin wurde.

Sie  haben in Osterburg natürlich auch die Schulbank gedrückt. Was berichten Sie dazu?

Ich erzähle ihnen, was mich in Osterburg geprägt hat: Etwa mein Weltbild, das auch von meiner Deutschlehrerin Erdmute Bach vermittelt wurde oder von meinem Russischlehrer Wolfgang Reikowski mit seinem intelligenten schwarzen Humor. Erziehung des Herzens zum Humanismus und zu Offenheit auch an der Schule. Viel diskutieren wir auch über das Lehrer-Meldeportal der AfD, das ja gerade in Brandenburg verboten wurde. Sehr stolz erzähle ich dann meinen Kollegen vom Osterburger Gymnasium als „Schule ohne Rassismus“ und einer Vielfalt-Aktion in bunter Kleidung, die bundesweite Resonanz fand.

In Osterburg gibt es auch eine Lindenstraße. Was hat diese mit der in der Serie gemein, außer dass auf beiden Autos fahren?

Die Lindenstraße in Osterburg ging ich in den letzten 15 Jahren weitaus seltener entlang als die auf unserem Produktionsgelände in Köln-Bocklemünd. Die Osterburger Lindenstraße liegt immerhin ein Stück auf dem Weg vom Bahnhof zum Haus meiner Eltern. Und es gibt an der Ecke Brüderstraße ein Mehrfamilienhaus, das dem in der Lindenstraße äußerlich entspricht. Die Bewohner müssten aber sehr viele Ehen geführt haben, Kriegsdienstverweigerer oder Drogendealer sein, ein Mann müsste eine Transition zur Frau durchmachen und, und, und.

Was kommt nach dem Ende der Lindenstraße?

Felix Kusser (v.l.), Gunnar Solka, Festivalleiterin Anna Ramskogler-Witt und Benjamin Gesing beim Human Rights Film Festival Berlin 2019.

Die Lindenstraße ist schon immer eine politische Serie gewesen. Nun geht die Serie zu Ende, aber ich denke, wir setzen uns ungeachtet der Absetzung weiter ein für eine bessere Gesellschaft, denn wir sind weiterhin politische Menschen. Ich habe in Berlin mit Felix Kusser und Benjamin Gesing als Künstlerkollektiv „3 11 12“ einen Spot gedreht und das ist ein erster Schritt. Der Spot ist unbequem, fordert aber zum Miteinander auf, so wie die Lindenstraße. Es sind auch drei „Lindensträßler“ darin zu sehen: Neben mir auch Sara Turchetto, die dort seit 1998 Marcella Varese spielt, und Felix Kusser, zurzeit in einer Gastrolle als Marcellas Nachmieter Josch.

Was war der Anstoß für das Projekt?

Mit dem Konzept zum Spot waren wir uns schnell einig: 2016 und 2017 habe ich Deutsch- und Integrationskurse an der Fortbildungsakademie in Eberswalde gegeben. Meine Schüler berichteten mir von ihrer Flucht und ich hatte auch Videocalls mit Menschen in Aleppo, Syrien. Menschenrechtsthemen haben mich schon immer geprägt. In unserem Spot „Life“, der wie ein bonbonfarbener Werbespot „in the middle of nowhere“ erscheint, stellen wir unser Leben in Europa dem der Geflüchteten entgegen und zeigen die Situation am und im Mittelmeer. Wir zeigen den ethischen Bankrott Europas und dass wir uns alle unserer Verantwortung bewusst sein sollten. Unser Spot lief bereits beim Human Rights Film Festival in Berlin. Dort liefen Dokumentarfilme, deren Wucht sich niemand entziehen kann. Sie zeigen keine Fiktion und lassen keine Ausreden zu.

Sie scheinen noch immer wie elektrisiert, warum?

Ich bin dort im September vielen Menschenrechtlern begegnet. Der gerade aus russischer Haft entlassene ukrainische Regisseur Oleg Senzow stand auf der Bühne des International, auf der ich zuvor als Jurymitglied gemeinsam mit Bernhard von Grünberg von der UNO-Flüchtlingshilfe Deutschland einen Nachwuchspreis für „Der Kampf um die Rechte“ an drei Potsdamer Schüler überreichen konnte. Senzow hatte an diesem Tag seinen Freund Askold Kurov begleitet, dessen Film „Novaya“ über die letzte unabhängige Zeitung Russlands den Preis als bester Film erhielt. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir schon nicht weit von Ungarn leben, wo die Pressefreiheit und die Freiheit in der Kunst immer mehr eingeschränkt werden.

Was haben die Altmärker von diesem Festival?

Dieses Festival geht im November auf Tour nach Brandenburg mit Schul- und Abendvorstellungen. 2020 möchte sich das Festival noch mehr der Jugend widmen, eventuell mit einer eigenen Jugend-Jury. Vielleicht sitzt dort zum Thema Menschenrechte ja auch ein Schüler des Osterburger Gymnasiums.

Der Spot ist inzwischen im Internet auf lifeby31112.com oder auf YouTube zu sehen.

VON MARCO HERTZFELD

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