Professor gibt Kritikern der Gemeinschaftsschule recht – und ist dennoch dafür

Megastreber durchgefallen: „Erziehen keine Eierköpfe“

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Eine alte Rechenmaschine im Museum einer altmärkischen Schule. Prof. Kaschade geht es nicht nur um Entwicklung im technischen Bereich. Auch Schule selbst müsse sich entwickeln.

Osterburg. „Die Kritiker der Gemeinschaftsschule haben zum großen Teil recht“, redet Prof. Hans-Jürgen Kaschade erst gar nicht um den heißen Brei herum.

Alle Kinder in einer Klasse dieser Schulform mit einem Maximum an Wissen zu versorgen, sei ein schier unmögliches Unterfangen. „Der Förderschüler wird nicht zu kurz kommen, sicherlich. Der Gymnasiast wird vielleicht aber ein paar Lücken in der Differenzialrechnung oder Vektorrechnung aufweisen. Doch was soll’s?“ Der Oberschüler erhalte dafür Rüstzeug, das immer wichtiger werde. „Wir erziehen doch keine Eierköpfe. Die Welt ändert sich, das haben viele noch nicht begriffen“, meint der Erziehungswissenschaftler gegenüber der AZ.

Sozialkompetenz, Teamfähigkeit und Akzeptanz von Andersartigkeit seien Punkte, die sich in fast jeder Bewerbung gut lesen würden. „Die Förderung dieser Eigenschaften ist bedeutsamer, als immer noch ein bisschen mehr Fachwissen zu vermitteln.“ Prof. Kaschade ist unter anderem studierter Sozialpädagoge und arbeitete als Sonderschullehrer, er veröffentlichte Arbeiten über die Integration von Menschen mit Behinderung, baute die Hochschulen in Magdeburg und Stendal auf und leitete das Existenzgründerzentrum BIC in der ostaltmärkischen Kreisstadt. „Ich bin doch auch nur ein mittelmäßiger Schüler gewesen. Manche brauchen eben länger oder benötigen andere Wege zum Erfolg“, meint der 74-Jährige und grinst.

Die Debatte um eine Gemeinschaftsschule in Osterburg hat der Professor nur am Rande mitbekommen. Ob die neue Schulform in Sachsen-Anhalt tatsächlich einen Siegeszug schafft, hänge maßgeblich von den Lehrern ab. „Die Inklusion, die selbstverständliche Einbeziehung von Behinderten, ist eine Riesenherausforderung. Ein Lehrer muss sonderpädagogische Fähigkeiten haben und darf auch das Regelkind nicht vergessen, denn es möchte auch Zuwendung haben und will nicht immer zurückstecken.“ Prof. Kaschade bezeichnet sich als skeptischen Befürworter der neuen Schulform. „Die Gemeinschaftsschule ist vom menschlichen Ansatz her positiv. Ich sehe aber auch die Gefahren, die aus uns selbst kommen.“

Die Befürworter einer Gemeinschaftsschule haben einen großen Dämpfer erhalten. Während der Stadtrat die Umwandlung der Sekundarschule „Karl Marx“ mit großer Mehrheit befürwortete, versagte der Kreistag die Zustimmung klar. Der Landkreis ist Träger der Bildungsstätte. Nico Schulz (CDU), der Bürgermeister der Einheitsgemeinde Osterburg, lehnt den Wandel ab und sieht sich in seiner Stadt heftiger Kritik ausgesetzt (die AZ berichtete).

Wegen eines Verfahrensfehlers muss die Abstimmung im Kommunalparlament nicht ganz überraschend noch einmal wiederholt werden. Ob sich das Kräfteverhältnis bis dahin entscheidend geändert haben wird, bleibt allerdings abzuwarten. Die Befürworter des Wandels scheinen eh mehr auf einen geregelten zweiten Anlauf im nächsten Jahr zu setzen. Das SPD-geführte Kultusministerium in Magdeburg ermuntert das Bündnis aus Lehrern, Eltern und Mitgliedern des Fördervereins dazu.

Anfang nächster Woche tagt das „Netzwerk Gemeinschaftsschule“ in Osterburg. Vertreter von Gemeinschaftsschulen und Schulen, die sich dahin wandeln wollen, tauschen sich über inhaltliche Fragen aus, heißt es aus dem Kultusministerium.

Von Marco Hertzfeld

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