Linken-Urgestein Emanuel hält Protest-Sparflamme für gesund

Maidemos: „Nicht zu sehr auf den Pelz krabbeln“

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Eine Yoga-Gruppe demonstriert am 1. Mai auf dem Magdeburger Domplatz. Im Hintergrund ist der Landtag zu sehen. Im ganzen Land finden am traditionellen Protesttag nur wenige Versammlungen statt. Die Behörden setzen Grenzen.

Osterburg – „Die Zeit, sich gemeinsam, eng und laut auf der Straße zu äußern, kommt wieder“, ist Jürgen Emanuel überzeugt. Dass Demonstrationen, egal welcher Couleur, zum Arbeiterkampftag 1. Mai republikweit auf Sparflamme gehalten wurden, findet der Osterburger genau richtig.

Auch mindestens für die nächsten fünf, sechs Wochen sollte seiner Meinung nach eines unbedingt gelten: „Wir dürfen uns nicht zu sehr auf den Pelz krabbeln, Grundrechte hin, Persönlichkeitsrechte her.“

Wenn es im Landkreis Stendal so etwas wie ein linkes Urgestein gibt, das auch regelmäßig beim Wähler punkten kann, dann dürfte es der 71-Jährige sein.

Den Ton in der Linken-Fraktion gibt Jürgen Emanuel vor. Das Bild zeigt ihn beim Straßenkarneval in Osterburg.

Der Biesestädter ist Genosse und das war er auch schon in der DDR. Für ihn keine verlorene Zeit, im Gegenteil. Nach der politischen Wende erreichte Emanuel bei Urnengängen immer wieder Spitzenergebnisse, mancher hielt ihn sogar für einen potenziellen Bürgermeister. Doch er winkte immer wieder ab. In dieser Woche feiert der Osterburger im vereinigten demokratischen Deutschland ein ganz persönliches Jubiläum. „Fast auf den Tag genau seit 30 Jahren bin ich Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, anfangs noch über die PDS.“ Der Parteiname änderte sich, der Fraktionsvorsitzende blieb durchgehend derselbe, Emanuel.

Natürlich habe er auch rund um den 1. Mai, den Tag der Arbeit, die Nachrichten verfolgt, versichert Emanuel im AZ-Gespräch. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte alle öffentlichen Veranstaltungen wegen Corona frühzeitig abgesagt. Da und dort gingen dennoch Menschen aus unterschiedlichen Gründen auf die Straße. In Magdeburg beispielsweise trieb es eine linksradikale Gruppe mit Kapitalismuskritik umher und auf dem Domplatz der Landeshauptstadt forderten unter anderem Yoga-Lehrer Lockerungen der Beschränkungen für ihren Berufsstand. In Stendal fiel die DGB-Kundgebung im Tiergarten ins Wasser, in Osterburg das traditionelle Treffen der Linken bei der Volkssolidarität.

Die Basisorganisation, wie die Linkspartei ihre lokalen Gruppen nennt, kommt alljährlich in der Begegnungsstätte des Wohlfahrtsverbandes zusammen. Es wird gegrillt, Parteigrößen wie Katrin Kunert ergreifen das Wort. Das geht schon länger so und ist den Osterburger Genossen wichtig. In diesem Jahr war nun alles anders, die Partei zog die Reißleine. 2021 soll das Stelldichein wieder über die Bühne gehen. Fahrten in größere Städte oder gar Teilnahmen an Straßenprotesten seien nicht angesagt. „Viele unserer Parteimitglieder sind älter, wir suchen das gesellige Miteinander an einem solchen Tag“, sagt Emanuel der AZ. Die Osterburger Linke zählt 32 Mitglieder, das Durchschnittsalter liegt bei mindestens 65 Jahren.

Stadtratsmitglied Emanuel hat für den 1. Mai noch einen ganz persönlichen Auftrag. Als Mitglied der Osterburger Blasmusikanten ist er in normalen Jahren am und um den Feiertag auf Achse, mal mehr, mal weniger. Familie und Freunde gehen in der Regel zum Treffen der Linken bei der Volkssolidarität, er selbst, wenn noch Zeit dafür bleibt. Ansonsten hätten Veranstaltungen mit dem musikalischen Ensemble einfach Vorrang. Und noch einmal kurz zur Partei: „Wir sind ja keine Tausende mehr“, redet der politische Jubilar nicht lange um den heißen Brei herum. Deshalb zähle vielleicht jede Tradition auch doppelt.

VON MARCO HERTZFELD

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