Förster rechnen mit Plage und warnen Waldbesitzer / Hohe Schäden im Landkreis befürchtet

Mäuse massenhaft im Anmarsch

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Kurzschwanzmäuse wie die Rötelmaus haben dem jungen Wald stark zugesetzt.

Osterburg. Gunnar Schulze, Leiter des Forstreviers „Wische“, muss sich nicht lange durch Sträucher und mannshohe Bäume kämpfen. Schnell ist eine der verlorenen jungen Buchen erreicht. Ohne große Mühe kann er sie aus dem Boden reißen. „Total verdorrt.

Dieses Braun ist nicht die Farbe des Herbstes. “ Es ist die Farbe des Todes. Mäuse haben der gut zehn Jahre alten Aufforstung nahe Osterburg stark zugesetzt. Mindestens ein Drittel der fast einen halben Hektar großen Fläche ist bereits verloren. Und nun auch noch das: Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen warnt für die nächsten Wochen sogar vor einem Massenauftreten von Kurzschwanzmäusen. Ein verstärkter Ansturm der Erdmaus und der Rötelmaus könnte dem jungen Buchenwald den Rest geben. Auch andere Bestände sind akut bedroht. Überall im Landkreis schellen die Alarmglocken.

Stefan Kaiser, der im Forstamt Nordöstliche Altmark für Forstschutz zuständig ist, nimmt eine tote junge Buche genauer unter die Lupe. „Hier sind Fraßspuren, und hier auch. Die kleinen Zähne bewirken einiges.“ Erd- und Rötelmaus nagen oberirdisch, Langschwanzmäuse wie die Schermaus greifen von unten an und attackieren die Wurzeln. Irgendwann sind die Lebensadern so stark lädiert, dass es einen jungen Baum einfach umhauen muss. Der Schaden für den Waldbesitzer ist immens. Einen Hektar mit Laubbäumen zu bestücken und einen Zaun zu setzen, kostet bis zu 10 000 Euro. Der Zaun soll vor hungrigen Rehen und Hirschen schützen, gegen Mäuse ist dieser machtlos. „Auch die Gesellschaft verliert. Wir wollen doch alle einen gesunden Wald, der Luft spendet und auch so dem Menschen guttut.“

Schulze erinnert sich an eine größere Aufforstung bei Heiligenfelde, in der vor einigen Jahren junge Bäume mit einem Stammumfang von immerhin gut fünf Zentimetern reihenweise einfach umgekippt waren. Ein solches Trauerspiel soll für diesen Herbst im Landkreis verhindert werden, egal, wo. Erfahrungsgemäß sind vor allem jene jungen Wälder gefährdet, die an Feldern liegen. Und das kommt in der Ostaltmark nun einmal oft vor. Sind die Äcker abgeerntet, treiben Nahrungsmangel und der Frost die kleinen Nager in die Wälder. Große Bäume sind relativ sicher, Nadelbäume wie die Kiefer sowieso unempfindlich. Sorgen bereiten vor allem junge Bäume, und da besonders Ahorn und Buche, aber durchaus auch die Kirsche.

Theo Allering, dem die Aufforstung gehört, kommt des Weges. Eine gute Gelegenheit für einen Gedankenaustausch. „Wir sollten wieder verstärkt und natürlich wohlüberlegt chemische Mittel einsetzen, um bestimmte Gräser kurzzuhalten, zumindest in den ersten Jahren“, meint der Vorsitzende der Forstbetriebsgemeinschaft Osterburg. Gedeihen Sandrohr und ähnliche aufdringliche Pflanzen allzu gut, entsteht eine dicke Filzschicht, unter der sich die Mäuse pudelwohl und sicher fühlen. Fuchs, Eule und andere Beutegreifer gehen oftmals leer aus. Die Vergrasung einer Aufforstung begünstigt das natürliche Anwachsen einer Population noch. Mäuse kommen immer wieder einmal massenhaft vor, ein solcher Zyklus dürfte in diesem Jahr seinen Höhepunkt erreichen.

Begünstigt werde das Ganze durch Nährstoffeinträge wie Stickstoff aus der Luft, die seit Jahren im Wald zu einem vermehrten Wachstum der Bodenvegetation führen. Gut für die Nager sei auch der teilweise Verzicht auf eine tiefere Bearbeitung der Ackerflächen, Mäusenester bleiben so erhalten. Natürlich spiele auch das Wetter eine Rolle. Wobei nach Meinung von Experten starke Fröste im Winter einer Population weniger schaden als ein steter Wechsel von Frost, Auftauen und Regen. Tödliche Infektionen treten dann häufiger auf.

Die chemische Keule ist nicht unbedingt des Försters Sache. „Es gilt die Maxime, der Wald verdient so wenig wie möglich Chemie, auch um andere Tiere nicht unnötig zu belasten“, betont der Revierleiter. Doch eine regelrechte Invasion von Nagern sei nun einmal nicht anders zu stoppen. Schulze und Kollegen werden in den nächsten Tagen ein besonderes Auge auf die Anpflanzungen haben und nach frischen Fraßschäden suchen. Sie stecken Apfelreiser, die für Mäuse besonders lecker sind, und stellen Fallen auf. Auch die Waldbesitzer sollten verstärkt kontrollieren. „Eine Kultur ist gefährdet, wenn mindestens 20 Prozent der Steckreiser nach ein bis zwei Wochen benagt sind oder mindestens zehn Kurzschwanzmäuse mit Schlagfallen gefangen wurden.“ Der Einsatz von Gift scheint unausweichlich. „Mäuse sind immer da, sicherlich, doch wir rechnen mit einer regelrechten Plage und müssen handeln.“

Von Marco Hertzfeld

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