Ende, aber kein Abschied: Bäckerei Grube lässt den Ofen kalt und konzentriert sich aufs Café

Kein Rezept nach fast 100 Jahren

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Osterburger Bäckermeister Lutz Grube und seine Ehefrau Budsaba, die im Café an der Breiten Straße arbeitet.

Osterburg. Lutz Grube holt zwei, drei Bleche aus dem Ofen. Auf dem Tisch daneben wartet frühmorgens weitere Arbeit. Der 64-Jährige ist Bäcker aus Leidenschaft. Ein Knochenjob, den schon die Großeltern Marie und Richard Nachtigall nicht scheuten, Tag ein, Tag aus.

1919 an der Naumannstraße gegründet, kann der Familienbetrieb auf eine fast 100-jährige Geschichte zurückblicken. Doch der Osterburger will mit dem neuen Jahr allmählich kürzertreten, und einen Nachfolger gibt es nun einmal nicht. Café und Pension an der Breiten Straße, der Einkaufsmeile der Biesestadt, soll es aber auch weiterhin geben.

Bäcker Grube ist stolz auf seine Kinder. Josephine arbeitet in der Personalabteilung eines Unternehmens und lebt in Hamburg. Linda, eine gelernte Konditorin mit Meisterbrief und zuletzt Betriebsleiterin bei einem großen Caterer, hat sich schon vor vielen Jahren von einem Marineoffizier entführen lassen und wohnt in Köln. „Die Hoffnung war groß, dass sie einmal den Betrieb weiterführt. Doch es ist, wie es ist. Das Glück meiner Kinder ist mir wichtiger als alles andere“, zeigt sich der Traditionsbäcker im Gespräch mit der AZ tapfer. Mittlerweile vier Enkel bereichern sein Leben. „Einer noch gelungener als der andere.“

Der Osterburger versinkt in Gedanken. Seine Eltern Ilse und Gerhard haben damals die Bäckerei der Familie fortgeführt. Doch der Vater stirbt früh, 1974, Lutz ist gerade einmal 20 Jahre alt. Ihn zieht es eigentlich mehr in einen anderen Beruf und nicht unbedingt in die Backstube. Als Wasserbaufacharbeiter mit Abitur steht ihm die DDR-Welt offen und er beginnt ein Tiefbau-Studium in Cottbus. Doch die elterliche Bäckerei soll nicht kalt bleiben, Herz und immer mehr auch der Verstand zeigen ihm den weiteren Lebensweg auf. „Mit meiner damaligen Frau, einer Konditorin, bin ich in die Selbstständigkeit gegangen. Ich bereue nichts, es war die richtige Entscheidung.“

Sein eigener Herr zu sein, habe selbst im Sozialismus seinen Reiz gehabt. „Man muss keine Rechenschaft ablegen und hat keinen Chef über sich, das ist schon viel wert.“ Es läuft beruflich. „Aus einem Zweimannbetrieb wurde ein Unternehmen mit bis zu zehn Angestellten.“ Mitte der 1990er-Jahre öffnet das Café. Nach der politischen Wende sei es immer schwieriger geworden, plötzlich wollte selbst die Kaufhalle Brötchen backen können. Grube findet neues privates Glück. Mit Budsaba, einer gebürtigen Thailänderin, ist er nun schon gut sechs Jahre verheiratet.

Der Biesestädter sieht das Bäckerhandwerk in der Altmark und darüber hinaus vor großen Herausforderungen: wachsende Konkurrenz außerhalb der klassischen Betriebe, verändertes Kaufverhalten, demografischer Wandel. Und dennoch: Der Beruf habe nach wie vor seinen Reiz: „Es macht einfach Spaß, mit den eigenen Händen etwas herzustellen, und am Abend zu sehen, was denn alles verkauft wurde.“

Von Marco Hertzfeld

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