Osterburger Lernort setzt Idee nach Jahren um und nimmt sich Stendals Friedensstifter zum Vorbild

Hellwach: Streitschlichter machen Schule

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Schon eine eingeschworene Truppe: Streitschlichter Danny Weinert (v.l.), Lea Schulz, Lilly Bosse und Kimberly Zacharias.

Osterburg. „Die Kleinen aus der Fünften kriegen sich oft wegen Kleinigkeiten in die Haare“, sagt Jasmin Werner und zieht die Augenbrauen hoch. Freundin Xenia Kersten grinst und ergänzt: „Die Älteren aber auch. “ Die 15-Jährigen sind sogenannte Streitschlichter.

Seit gut zwei Jahren vermitteln sie an Stendals Diesterweg-Sekundarschule zwischen den Parteien und sind für Lea Schulz, Danny Weinert, Max Kirschling, Nancy Sachse, Kimberly Zacharias und Lilly Bosse in Osterburg durchaus Vorbilder. Denn: Seit dieser Woche verfügt auch die Sekundarschule „Karl Marx“ über Streitschlichter. 20 Kinder hatten sich für das Projekt gemeldet, die genannten sechs haben durchgehalten, eine Ausbildung und eine kleine Prüfung absolviert.

Verstehen sich auch so gut, Jasmin (l.) und Xenia, beide 9. Klasse.

„Ein Junge stört immer wieder den Unterricht und legt sich auf dem Hof mit anderen an, Mädchen streiten sich vor einer Schulaufführung um ein Kleid ...“ Es seien Fälle wie diese, mit denen sich Jasmin und Xenia beschäftigen. Auch wenn eine Schneeballschlacht aus dem Ruder läuft, Tränen fließen und eine Brille bricht, sind Streitschlichter gefragt. Quentin Schild erzählt aus seiner Sicht und hört zu, wenn die Gegenpartei spricht. Allesamt sitzen sie an einem Tisch, in diesem Fall ist alles Spiel, die Stendaler Schüler zeigen ihren Osterburger Kollegen und dem weiteren Publikum, wie eine Streitschlichtung idealerweise funktionieren sollte. Am Ende stehen ein Protokoll, die gegenseitige Entschuldigung und entsprechende Unterschriften.

Einen ersten Anlauf hatte es vor mehr als zehn Jahren gegeben. „Wir hatten aber dann ganz andere Probleme“, erinnert Vize-Schulleiter Thomas Richter nicht zuletzt an den umfangreichen Um- und Ausbau der Bildungsstätte. „Irgendwann war die Sache eingeschlafen.“ Karin Rühlmann, seit Anfang 2017 Sozialarbeiterin an der Schule, habe dem Ganzen neuen Schwung gegeben. Auch Lehrerin Grit-Kerstin Stange sei wieder stark involviert. Für Sozialarbeiterin Karin Christiansen-Weniger schließt sich ein Kreis, einst in Osterburg tätig, arbeitet sie nun an der Diesterweg-Schule und ist auf beide Einrichtungen mächtig stolz, wie sie der AZ sagt.

„Konflikte gibt es immer und muss es geben, sonst würde sich die Menschheit nicht weiterentwickeln. Doch kommt es schon bei den Jüngsten darauf an, Konflikte ohne kaputte Nase oder gebrochenen Arm zu lösen, gewaltfrei eben“, betont Anja Naumann. Die frühere Staatssekretärin im Sozialministerium ist seit Ende 2017 Vorsitzende des Landesverbandes für Kriminalprävention und Resozialisierung, der Initiativen wie die der Osterburger Streitschlichter trägt. Nicht zuletzt haben Mitarbeiterin Jennifer Schmidt und Praktikantin Melissa Michna das Projekt entscheidend begleitet.

Lea, Danny, Kimberly und Lilly haben ihre Urkunde, die anderen, weil erkrankt, bekommen sie nachgereicht. Vize-Landrat Sebastian Stoll lobt die Initiative. „Streitschlichtung wie diese im niederschwelligen Bereich“ sollte im Großen den Ländern dieser Erde zumindest ein Nachdenken wert sein. Und stellvertretender Schulleiter Richter gibt seinen „Vorreitern für ein besseres Schulklima“ noch das auf den Weg: „Eure Arbeit beginnt jetzt.“

Von Marco Hertzfeld

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