Osterburg sucht „Frauenorte“: Schulleiterin, Gutsherrin und Kriegsreporterin rücken in Fokus

Fräulein Wolterstorff tritt hervor

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Frauenort auf alter Postkarte: Die backsteinerne Mädchenschule rechts an der Bahnhofstraße. Wolterstorff wirkte dort. 

Osterburg. Tangermünde hat Grete Minde, die angebliche Brandstifterin aus dem 17. Jahrhundert. Salzwedel ist durch Jenny Marx, die Ehefrau des Kommunistenführers Karl Marx, bekannt.

Und Osterburg? Während den meisten Bürgern dazu überhaupt nichts einfallen dürfte, kann Frank Hoche im AZ-Gespräch schon berufsbedingt mit einigen Namen aufwarten. „Zuerst wäre da das Fräulein Wolterstorff, welches die Mädchenschule an der Bahnhofstraße leitete und für die Stadtgeschichte wichtig ist. “ Sie und weitere herausragende Frauen noch viel stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken, darauf zielt das für Herbst avisierte Leader-Projekt „FrauenOrte_Land“ ab. Und vielleicht könne das in Tourismus ambitionierte Osterburg dadurch zusätzlich punkten. Museumsleiter Hoche sieht das Projekt jedenfalls durchaus als Chance.

Bürgermeister Nico Schulz will da nicht widersprechen, im Gegenteil. Das Vorhaben befinde sich noch in den Kinderschuhen und die Einheitsgemeinde Osterburg sei eine von vielen Kommunen, die sich beteiligen können. Von einer Federführung könne keine Rede sein. Wie die Frauengestalten ins Licht gerückt werden könnten, dazu kann sich Schulz einiges vorstellen: Informationstafel am Ort ihres Wirkens, Führungen, wissenschaftliche Untersuchungen, Themenabende und ähnliche Veranstaltungen. Es könnte sich sogar eine richtige Marke für den ländlichen Raum daraus entwickeln (die AZ berichtete), „Frauen durften in der Geschichte lange nicht in vorderster Reihe stehen, haben aber dennoch in zweiter, dritter Reihe viel bewegt. Diese Leistungen ans Tageslicht zu fördern, ist wichtig für alle.“

Emilie Wolterstorff war eine der ersten beiden Leiterinnen der privaten Höheren Töchterschule, die 1875 das Gebäude an der Bahnhofstraße (heute Teil der Kreisvolkshochschule) bezog. Sie könnte eine gesuchte Charakterfigur sein, die in den Fokus gehöre. Ulrich Mertens hat für „Osterburg im 20. Jahrhundert, Beiträge zur Stadtgeschichte“ 14 Seiten über die Schule verfasst. Hoche hat das Buch im Regal und einige Beiträge darin selbst geschrieben, kann alte Postkarten aus dem Museumsbestand vorzeigen. Natürlich sei noch längst nicht alles erforscht, womöglich ließen sich auch irgendwo noch Aufnahmen zu Wolterstorff finden. „Sie hat auf jeden Fall Spuren in der Stadtgeschichte hinterlassen. Osterburg ist heute ein wichtiger Schulstandort, wir profitieren von Frauen wie Wolterstorff.“

Der Diplom-Historiker kann bereits weitere wichtige Frauen nennen. „Die Damen von Kannenberg und von Kahlden verwalteten mehrere Jahrzehnte die Güter in Krumke und Iden.“ Ein Stück Lokalgeschichte aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert, das durchaus noch mehr ins Rampenlicht gehöre. Hoche denkt auch an Lieselotte Orgel-Purper, eine Fotoreporterin, die nicht zuletzt während des Zweiten Weltkriegs gearbeitet hat und in Osterburg für kurze Zeit lebte. Bilder von der Ostfront oder später aus der Biesestadt liegen im Preußischen Staatsarchiv. „Wir haben also einige besondere Frauengestalten. Sicherlich lassen sich auch noch einige mehr finden.“

Von Marco Hertzfeld

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