Danuta Ahrends und Frank Hoche gestalteten Nachmittag im Kavaliershaus

Ergreifender Briefwechsel

Zum Wirken der „Jungen Bühne“ im Osterburg der Nachkriegszeit machte eine Mappe mit Schrift- und Bilddokumenten die Runde. Fotos (3): Schmarsow

Krumke. Sonniges Herbstwetter hatte am Sonntag viele Spaziergänger in den Krumker Park gelockt, und etliche von ihnen legten eine Kaffeepause im Kavaliershaus ein; manche blieben, um Danuta Ahrends von der Stadt- und Kreisbibliothek Osterburg und Frank Hoche, Leiter der Museen des Landkreises Stendal, zu lauschen.

Ahrends las Passagen aus dem Buch „Willst du meine Witwe werden “ von Liselotte Orgel-Purper. Die Autorin gestattet in Briefen einen Einblick in ihre „Liebe im Krieg“, in ihre kurze Ehe. „Ganz einfach war die Beschäftigung mit dem Buch für diese Lesung nicht, man könnte einen Vortrag zu diesem Thema machen“, sagte Hoche bei der Darstellung des Lebensbildes der Orgel-Purper. „Es geht um ein Familienmitglied der Klinglers, die bis Kriegsende auf Schloss Krumke saßen. Liselotte Orgel-Purper war die angeheiratete Nichte der Margarethe Klingler, geborene von Gwinner. “.

Die Autorin, 1918 als Tochter eines Juristen in Straßburg geboren, hatte 1943 Kurt Orgel in Krumke geheiratet, der, wie man damals sagte, „im Felde stand“, verwundet wurde und in einem Lazarett am 19. Februar 1945 seinen Verletzungen erlag. Der letzte Brief seiner Frau, geschrieben am 22. Februar 1945 in ihrer Wohnung an der Osterburger Gartenstraße 11, hatte ihn also nicht mehr erreicht. In ihren fast täglichen Briefen erinnert sie ihren Kurt an das kurze Glück zu zweit in Krumke, an ihr Zusammensein, das alles in allem kaum 30 Tage gewährt hatte. Sie beschreibt ihre Liebe, ihre Sorgen um das Leben ihres Kuddel, lässt auch Schilderungen der furchtbaren Zerstörungen in den Städten – „Wie bin ich froh, dass ich nicht mehr in Berlin, sondern im eher ruhigen Krumke bin“ – nicht aus und beschäftigt sich mit dem Leid der Menschen im geschundenen Deutschland. Das Buch ist nicht nur Wiedergabe eines ergreifenden Briefwechsels, sondern auch zeitgeschichtliches Dokument.

Schon als Zehnjährige wollte Liselotte Purper Fotografin werden, und dieser Wunsch ging später in Erfüllung. Sie wurde sehr erfolgreich in ihrem Beruf, schon 1936/37 startete sie eine Karriere als Bildberichterstatterin im Dritten Reich, zeigte unter anderem Frauen im Alltag in Wissenschaft, Medizin, Kultur, aber auch als Arbeiterin, Angestellte und Hausfrau. Sie lernte einige Jahre nach Kriegsende ihren späteren zweiten Mann Armin Köhne kennen, der 1946 als Volkslehrer nach Osterburg gekommen war. Das Paar ging bald nach der Hochzeit nach Westberlin.

Zuvor war aber ein Ereignis eingetreten, das kulturellen Aufschwung in den Osterburger Nachkriegsalltag brachte: es wurde die „Junge Bühne“, eine Theatergruppe, gegründet, der auch Marga und Werner Ahrends angehörten. Werner Ahrends erinnert sich: „Wir jungen Leute schlossen uns zusammen, um uns zu beschäftigen. Kurt Ronneburger und Armin Köhne wiesen uns in das Laientheaterspiel ein. Wir studierten zum Beispiel das Lustspiel ,Diener zweier Herren’ von Carlo Goldoni ein. Bühnenbildentwürfe, Kulissen und Kostüme hatten wir selbst gemacht. Wir spielten nicht nur in Osterburg im Kinosaal, sondern auch in den Dörfern wie Krüden und Späningen, sogar im Stendaler Theater.“ Mit einem Viehtransporter wurden die Kulissen über Land gefahren, und die Mitwirkenden, das wusste Marga Ahrends, wurden mit einem Lkw mit Bänken zu den Spielorten gebracht. Die Komödie „Das Haus in Montevideo“ wurde nicht mehr aufgeführt, denn der Weggang von Ronneburger und Köhne bedeutete das Ende der „Jungen Bühne“.

Hoche sagte: „Es ist schon spannend: Drei Jahre nach Kriegsende, während man in den Städten mit dem Beseitigen der Trümmer beschäftigt war, wurde in Osterburg Theater gespielt.“ Er ließ eine Bildmappe mit Dokumenten und Fotografien von der „Jungen Bühne“ herumgehen, die Marlies Retz-Ronneburger, Tochter von Kurt Ronneburger, dem Museum übereignet hat. Die Fotos darin stammen von Liselotte Orgel-Purper, die das kulturelle Leben im Nachkriegs-Osterburg mit geprägt hatte. Sie ist 2002 in Berlin gestorben.

Von Frank Schmarsow

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