Petra Lagemann kehrt in Heimat zurück und stärkt einem der ältesten Osterburger den Rücken

Endlich wieder die Hand in der Biese

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Fritz Timoschenko hat das landwirtschaftliche Leben in Osterburg und Umgebung mitgeprägt. Seine Familie hat ihm dabei den Rücken gestärkt. Heimkehrerin Petra will sich nun vermehrt um ihren Vater kümmern und so auch ihre Schwester entlasten.

Osterburg. Fritz Timoschenko, mit seinen 92 Jahren sicherlich einer der ältesten Osterburger, wohnt nicht mehr allein am Rande der Stadt.

Petra Lagemann, die Jüngste seiner beiden Töchter, ist nach einer halben Odyssee in die Heimat zurückgekehrt und sogar in ihr Elternhaus eingezogen. „Ich habe bereits meine Hand in die Biese gehalten. Es ist schön, wieder hier zu sein“, sagt die 55-Jährige der AZ glücklich. Für die nächsten wärmeren Tage steht ein Besuch im traditionsreichen Biesebad ganz oben auf dem Programm. „Dort habe ich als Kind die erste und zweite Schwimmstufe absolviert, im ,Fuchsbau’ die dritte, doch dieses Freibad gibt es ja leider nicht mehr. “.

Die Altmärkerin hatte zunächst in Parchim, Mecklenburg-Vorpommern, gelebt und anschließend fast 15 Jahre lang in Hannover. „Da einmal schnell bei Vati vorbeizuschauen, war für uns nicht einfach.“ Und bei den seltenen Besuchen blieb kaum Zeit, sich in der Stadt umzusehen. So musste die Rückkehrerin erst jetzt feststellen: „Meine Schule an der Bahnhofstraße ist weg. Ich habe sie gesucht, aber nicht gefunden.“ Aus der Polytechnischen Oberschule (POS) und späteren Förderschule ist nach Um- und Neubau ein moderner Funktionalbau geworden, den sich Kreisvolkshochschule und Kreismusikschule teilen. „Einfach nicht wiederzuerkennen.“

Überhaupt habe sich in der Stadt einiges getan. „Es gibt viele schöne Verkehrskreisel und sogar mindestens einen größeren Baumarkt“, nennt die Heimkehrerin für sie wichtige Beispiele. Ihre Geburtsstadt könne sich durchaus sehen lassen, auch wenn es natürlich noch etliche Schandflecke und potenzielle Baustellen gebe. Lagemann denkt da nicht zuletzt an den Zustand etlicher Straßen und die durchaus zahlreichen leer stehenden Häuser. Dennoch: „Die Großstadt fehlt mir nicht, nicht mehr. Osterburg ist meine Größe. Wir sind aus vielerlei Gründen wieder hier, und Vati freut sich natürlich auch.“

Und mit ihm die älteste Tochter, die sich nach dem Tod der Mutter und anderen Veränderungen regelmäßig hingebungsvoll um den Vater gekümmert hat und nun nicht mehr so häufig aus Heiligenfelde nach Osterburg kommen muss. Auch die Nachbarn griffen dem alten Herrn regelmäßig unter die Arme, halfen, wo sie konnten. Timoschenko ist in Osterburg bekannt wie ein bunter Hund, schließlich leitete er einen der größten Landtechnik-Betriebe in der Region und mischte bei den DDR-Kampftruppen eine Zeit lang sogar in vorderster Reihe mit. Die Familie hat ukrainische Wurzeln, Timoschenkos Vater hatte es nach dem Ersten Weltkrieg in die Altmark verschlagen. Mit der gleichnamigen ukrainischen Spitzenpolitikerin Julia Timoschenko haben die Osterburger aber wahrscheinlich nichts zu tun (AZ berichtete).

Der Tochter sind eh andere Dinge wichtig. „Wir fühlen uns gut aufgenommen in der Stadt, vielleicht kehren ja auch andere Menschen wieder zurück. Nach der Wende haben viele Leute ihre Heimat verlassen.“ Einen kleinen Wermutstropfen habe es allerdings gegeben. „Warum wir unseren Sperrmüll nicht abgeholt bekommen und der kommunale Entsorger keine Ausnahmen für Neubürger macht, verstehe ich partout nicht.“ Beim Umzug war ein großes Polstermöbel entzweigegangen. Und Vater Timoschenko hat seinen Abholschein für dieses Jahr bereits eingelöst.

Als Biesestadt-Urgestein Timoschenko Anfang Juni seinen 92. Geburtstag feierte, waren Kinder, Enkel und Urenkel dabei. Die Familie traf sich im Märchenpark Salzwedel. „Es war ein unvergesslicher Tag“, schwärmt er noch immer. Seiner jüngsten Tochter und deren Lebensgefährten Andreas wünscht der an Fotografien, Zeitungsartikeln und weiteren Dokumenten reiche Hobby-Historiker, dass sie möglichst schnell auch beruflich Fuß fassen. Die „bessere Hälfte“ seiner Tochter ist Kraftfahrer und würde nur allzu gern den in der Biesestadt stationierten Bücherbus des Landkreises Stendal lenken.

Von Marco Hertzfeld

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