Osterburger Skateboarder ertragen so manchen bösen Blick und liebäugeln mit größerer Anlage

„Ein wahnsinniges Freiheitsgefühl“

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Nicht auf allen Anlagen sind solche Kunststücke möglich. In Osterburg ist vieles eine Nummer kleiner. Das Lebensgefühl sei aber überall das gleiche, heißt es. Skateboarding kann begeistern.

Osterburg. „Diese Blicke tun manchmal schon weh“, gibt Johannes Steinke unumwunden zu. Doch anmerken lasse er sich das nicht. Der Groß Garzer gehört zu einer kleinen Truppe Skateboarder, die sich auf der Anlage an der Puschkinallee nahe dem Osterburger Bahnhof pudelwohl fühlt.

„Wenn sich wieder einmal jemand an uns stört, weil wir angeblich zu laut sind oder Müll haben liegen lassen, können wir damit inzwischen ganz gut umgehen. Wir bleiben gelassen und haben weiterhin unseren Spaß“, erklärt der angehende Lehramtsstudent. Das „Wir“ umfasst drei weitere junge Altmärker. Sie heißen Falk Kluge, Christian List und Johannes Herrmann. Alle sind sie zwischen 22 und 25 Jahre alt. „Wir selber haben uns ,Miners’ genannt, in Anlehnung an den mitteldeutschen Ausspruch ,Grüß dich Meiner’, quasi ein lockerer Ausspruch für Offenheit und Toleranz. “.

Mit Osterburgs Exklusivzone für Skateboarder ist die Gruppe ganz zufrieden. Kein Wunder, wurden die jungen Leute doch bei der Planung von Annegret Spillner, der damaligen Bauamtschefin, um ihre Meinung gefragt. Die sogenannten Fun-Boxen sind also auch auf dem Mist ihrer Nutzer gewachsen. 2008 so richtig eröffnet, toben sich die Miners dort regelmäßig aus. Empfinden sie die Elemente inzwischen auch als ein wenig zu klein, bleibe das Areal doch ihr heiß geliebter Szenetreff. Ihnen kam schon einmal in den Sinn, die Boxen aufzuwerten, den Bereich auszubauen. Das Zeug dazu hätten sie, Steinke etwa ist gelernter Schlosser. Bislang ist es bei der Idee geblieben. Die ältere Mini-Rampe einige Meter weiter sei ein regelrechtes Ärgernis, ein „richtiges Metallmonster“. Auch andere Skater empfinden das Teil ob seiner Oberfläche für Rollbretter als ziemlich ungeeignet und nicht ganz ungefährlich (die AZ berichtete).

Steinke sieht im Skateboarding ein Lebensgefühl und nicht unbedingt Sport. „Es entsteht ein wahnsinniges Freiheits- und Leichtigkeitsgefühl, das absolut süchtig macht und sich auf dein ganzes Leben auswirkt, dich als Mensch positiv formt“, schwärmt der junge Mann. Skateboarding stehe für Gleichheit und Toleranz, „ganz egal, woher man kommt, welche Hautfarbe oder sexuelle Ausrichtung man hat“. Mitglieder diese Szene seien unterein-ander befreundet und gleich „cool miteinander“. Das klinge vielleicht abgedroschen, sei aber nun einmal so. Gleichheit und Offenheit kämen nicht zuletzt durch bestimmte Begriffe. „Tricks wie Ollie, Kickflip, 360 Flip, Backtail, frontside smith heißen auf der ganzen Welt so, alle verstehen sie.“ Zudem müssten Skateboarder überall mit ähnlichen Vorurteilen kämpfen. Dass Menschen bei ihrem Anblick gar nicht so selten die Nase rümpfen, sie regelrecht verachten, sei eben in einer Mega-City nicht anders als in einer Kleinstadt. „Wir leben den ultimativen Freiheitsgedanken, kennen keinerlei Regeln und Trainer. Alle machen das, worauf sie Lust haben ohne Vorgaben, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten natürlich“, meint der junge Mann kess.

Die Wurzeln des Skateboardings in der Altmark liegen klar in Stendal. „Die Szene konzentrierte sich dort besonders auf das E-Center am Rand der Stadt, wo für die Altmark außergewöhnlich gute Gegebenheiten vorzufinden waren. An manchen Sonntagen tummelten sich dort an die 20 Skateboarder“, erinnert sich der 22-jährige Groß Garzer. Ein Anlaufpunkt für die Skaterszene sei das rolandstädtische Areal noch immer, allerdings mit weitaus weniger Leuten. Die Rollbrettbewegung in Osterburg der Nachwendezeit habe ihren Anfang am Lidl-Markt genommen. Das Gelände biete einen guten Untergrund zum Rollen und einige gut fahrbare „Obstacles“. Das sind Hindernisse wie beispielsweise Schrägen, in der Fachsprache auf Englisch einfach „Banks“ genannt“. Hinzu kommen architektonische Gegebenheiten, die zum Drüberspringen einladen, sogenannte „Gaps“. Derartige Areale seien auch heutzutage noch eine gute Alternative zum Skatepark.

Die persönlichen Vorbilder der Osterburger Truppe kommen aus den USA und heißen Andrew Reynolds, Bryan Herman, Antwuan Dixon oder auch Taylor Kirby. „In Deutschland gibt es auch einige Leute, die sehr bewundernswert sind, zum Beispiel Vladik Scholz, Jost Arens, Christoph Schübel oder auch Daniel Meier aus Staßfurt. Den Song „Lords of the Boards“ der deutschen Combo Guano Apes wollen die Mittzwanziger übrigens nicht kennen. Eine Skaterhymne gebe es in diesem Sinne schon gar nicht. Sie stehen auf Künstler wie The Notorious B.I.G, 2Pac, Future Islands, Dead Meadow, Led Zeppelin und CCR. Eine recht bunte Mischung also, von Rap bis Rock.

Ein negativer Trend im Skateboarding komme übrigens von den großen Sportmarken wie Nike und Adidas, die das Geschäft und den Trend erkannt hätten, und kleine „Core Brands“, Marken, die nur Skateboard-Artikel herstellen, vom Markt drängen würden.

Von Marco Hertzfeld

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