Schausteller-Spross Nachtigall angelte sich Probst-Mädchen und kennt Osterburg schon aus Kindheit

„Ein Stück Zirkus fährt immer mit“

Die Nachtigalls mit Familienhund „Püppchen“. Ihr „Comic Trip“ wird aufgebaut. Foto: Hertzfeld

Osterburg. „Die weite Welt ist unser Feld. “ Den Schlachtruf ihrer Berufsgruppe hat die Familie am Auto kleben.

Tino Nachtigall, Schausteller in mindestens fünfter Generation, lässt die AZ in seine private Welt, einen Wohnwagen, der seiner Frau Nicole, einem waschechten Zirkuskind, und ihm acht Monate im Jahr ein Zuhause ist. Flauschige Auslegware, schicke Holzmöbel, Fernseher und anderes mehr – „Hier können wir abschalten und neue Kraft tanken. “ Draußen herrscht derzeit die Ruhe vor dem Sturm. Ihr Crêpestand an der Nicolaikirche und das Karussell „Comic Trip“ nahe dem August-Hilliges-Platz sind bereits aufgebaut. Das Stadt- und Spargelfest wird übermorgen eröffnet. Die 20. Auflage soll eine besondere werden.

„Wir sind das vierte Mal dabei. Wobei ich Osterburg und die Altmark schon viel länger kenne“, erzählt der 42-Jährige. Vater Bernd Nachtigall, momentan in Sachsen unterwegs, baute das eine oder andere Fahrgeschäft schon beim Rolandfest in Stendal auf. Großvater Heinz Nachtigall bereitete den Osterburgern Vergnügen, da hieß das Stadtfest noch nicht Stadtfest. Auch den anderen Opa, Adolf Köllner, zog es regelmäßig in die Biesestadt. „Ich war oft dabei und bin tageweise auch hier in die Schule gegangen.“ So wie sein Sohn Giuliano diese Woche, der Zwölfjährige besucht die Sekundarschule „Karl Marx“ und hat sein eigenes Wohnmobil. Der junge Mann wolle irgendwann den Familienbetrieb übernehmen. So habe er es auch erst kürzlich in einem Aufsatz geschrieben. „In Englisch sogar, das zählt doppelt“, meint die stolze Mutter und lacht. Tochter Joanna (18) und Freund Jeffrey betreiben ein eigenes Geschäft und sind mit von der Partie.

„Osterburgs Altstadt wird immer schöner“, schwärmt das frühere Zirkusgewächs. „Wir fühlen uns hier richtig wohl und haben sogar für unser Karussell wieder den Stammplatz erhalten. Keine Selbstverständlichkeit. Veranstalter, Ausrichter und Schausteller arbeiten einfach gut zusammen, vieles kann weiter wachsen.“ Schon als Jugendliche haben sich Tino und Nicole irgendwo auf Reisen kennengelernt. Wagen des Zirkus „Probst“ und die der Schausteller standen damals nah beieinander. „Irgendwie mussten wir ja fast zwangsläufig zueinanderfinden. Für die Liebe muss man nicht weit fahren – oder eben doch. Egal, ein Stück Zirkus fährt wegen mir nun jedenfalls immer mit.“

Die Nachtigalls sind viele Tausend Kilometer im Jahr unterwegs. Jahrmärkte, Stadtfeste und ähnliche Veranstaltungen stehen auf dem Programm. Angehörige sind über die halbe Republik verstreut und oftmals mit dem Schaustellergewerbe verbunden. Ein Großteil fühlte sich lange Zeit auch im Jerichower Land und im Berliner Raum verwurzelt. Doch das mit den Wurzeln sei eben so eine Sache. „In unserem Haus nahe Staßfurt sind wir weitaus seltener als hier im Wohnwagen“, sagt der Schausteller. Doch genau so wollten sie es und genau so sei es richtig und schön. „Und wenn wir die Tür des Wohnwagens schließen, bleibt der ganze Rummel draußen, für einige Zeit und Gott sei Dank nie für lange“, meint er und lächelt.

Von Marco Hertzfeld

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